Demenz und Freiheit

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    • Demenz und Freiheit

      mitunter bekomme ich gute Gedanken morgens mit auf den Weg. So heute Morgen von der Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx zur Frage, wie frei sind wir, Demenzkranken zu helfen. Wer es nachlesen oder über Frau Coenen-Marx lesen möchte
      http://www.tv-ev.de/kirche_im_radio_bundesweit_1346.html

      Mittwoch, 18. August 2010
      „Die Freiheit nehm ich mir “, wirbt eine bekannte Kreditkarte und suggeriert, wir könnten uns die Freiheit kaufen. Mit Geld verbinden wir Unabhängigkeit und Mobilität, materielle Sicherheit und Freiheit. Aber Geld ist eben nicht alles. „Wenn man gewohnt ist, Probleme zu lösen, indem man einen Haufen Geld hin wirft, und plötzlich feststellen muss, dass ein Problem finanziell nicht zu lösen ist, ist das fatal“, sagt Stefan, ein früherer Investmentbanker.

      Diese Erfahrung hat er gemacht, als er entdeckte, dass seine Mutter dement wurde. Ihre zunehmende Verwirrung, ihre Depressionen brachten ihn dazu, sein Leben zu verändern. Das war vor zwei Jahren. Da hatte er sich, wie mancher in seiner Branche, gerade heftig verspekuliert. Aber das war nicht der Grund dafür, dass er sein Leben umkrempelte. Er liebte den Stress, das Risiko, die Abende an den Hotelbars. Er liebte seine Freiheit. Aber was war diese Freiheit wert, wenn seine Eltern dabei auf der Strecke blieben- die Menschen, denen er Leben und Ausbildung verdankte? Was wäre unsere Unabhängigkeit wert, wenn uns niemand vermisst, wenn keiner sich auf uns freut? Stefan krempelte sein Leben um, er verzichtete auf riskante Börsenabenteuer und aufregende Reisen. Stattdessen zog er in die Stadt seiner Kindheit, kaufte dort ein altes Fachwerkhaus und gründete eine Stiftung für Demenzkranke, das Haus „Vergißmeinicht“ „Ich habe alles gesehen und gemacht“, sagt er. „Ich bin bereit, erwachsen zu werden“.1 Erwachsenwerden, so wie Stefan es versteht, das heißt offenbar, Freiheit und Bindung , Liebe und Unabhängigkeit in eine gute Balance zu bringen.

      „Die Stimme der Demenzkranken erinnert uns daran, dass unsere Gesellschaft zu sehr von Konkurrenz, Vereinzelung und Egoismus geprägt ist“, meint der Soziologe Reimer Gronemeyer. In einer solchen Gemeinschaft sei es schlecht bestellt um den Schutz der Schwachen, der Kinder, der Kranken.2

      Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir Freiheit falsch verstehen. Martin Luther, der sehr tiefgehend darüber nachgedacht hat, spricht von der doppelten Natur des Menschen: Von unserer Freiheit und Größe, aber auch von unserer Verletzlichkeit und Gebundenheit. Wer glaubt, er wäre ganz und gar unabhängig, der merkt vielleicht gar nicht, dass er dem eigenen Ehrgeiz oder der eigenen Gier aufsitzt, vergisst, dass er sein Leben nicht selbst geschaffen hat. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan“, schreibt Luther in einer seiner wichtigsten Thesen. Aber dann fährt er fort: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“.3 Die erwachsene Freiheit, von der auch Stefan spricht, rechnet damit, dass wir einander brauchen und für einander da sein müssen, um ganz zu uns selbst zu kommen.

      Der Fotograf Michael Hagedorn hat Familien besucht, in denen Demenzkranke gepflegt werden. Seine Bilder sind in der Ausstellung „Kunst trotzt Demenz“ zu sehen, die das Diakonische Werk in Darmstadt initiiert hat.4 Viele berühmte Künstler haben, genauso wie Hagedorn, freiwillig und ohne Honorar daran teilgenommen. Er habe dabei viele wunderbare Menschen kennengelernt, sagt Hagedorn. Und tatsächlich zeigen die anrührenden Fotos eine Schönheit jenseits der Normalität. Vielleicht brauchte es die Freiheit und Kreativität eines Künstlers, das zu entdecken. Denn die Angehörigen, meint Hagedorn, opferten sich auf und akzeptierten zu wenig Entlastungsangebote. So verlören sie nach und nach die Freiheit, die Kranken in ihrer Besonderheit wahrzunehmen.

      Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Hagedorn Recht hat. Wer mit Demenzkranken lebt, braucht Unterstützung, um sich nicht selbst zu verlieren - Freunde, Nachbarn, Krankenschwestern, die einen anderen Blick mitbringen. Und unsere Gesellschaft braucht Menschen wie Stefan, die begreifen, dass Freiheit ohne Verantwortung ins Leere läuft – freiwillig Engagierte, Stifter, die ihr Vermögen einsetzen, Politiker, die sich um das Gemeinwohl kümmern, Menschen, die für andere da sind.

      Wir alle brauchen die richtige Balance aus Unabhängigkeit und Verantwortung. Diese erwachsene Freiheit, wächst im Miteinander – im Nehmen und Geben.


      1 Stefans Geschichte wird erzählt im „Stern“-Sonderheft Gesundheit zum Thema „Raus aus dem Stress“, 4/2010
      2 Prof. Dr. Reimer Gronemeyer, Gießen, in der Einleitung zu „Kunst trotzt Demenz“, Edition Chrismon, Hansesches Verlagshaus 2009
      3 Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen“, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen. Ein Arbeitsbuch. Bd. III. Hg. Von Heike A. Obermann, Neukirchen 1981.
      4 Kunst trotzt Demenz, Edition Chrismon, Hansesches Druck- und Verlagshaus 2009.