Londoner Nachtleben

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    • Londoner Nachtleben

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      Ronald Rang: "The funny German", Verlag Kiepenheuer und Witsch, 313 Seiten
      Zuallererst ist dieses Buch eine Liebeserklärung an London. Der deutsche Sportjournalist und Buchautor Ronald Rang lebte selbst fünf Jahre lang in der britischen Hauptstadt und erzählt in "The funny German" die Geschichte des Komikers Andy, dessen Leben ein Unfall verändert.


      Andreas Merkel sitzt im Auto, einen Korken zwischen den Zähnen, und artikuliert vielsilbige Wörter, "Supermarktparkplatz", "Ordnungsliebhaber". Mit dieser merkwürdigen Übung bereitet er sich auf seinen nächsten Auftritt vor: als deutscher Komiker auf Londoner Bühnen, in lärmigen Pubs und Kleinsttheatern. Sein Geld verdient er als Fenstermonteur, abends aber ist Andreas Merkel auf der Ochsentour durch die britische Vergnügungslandschaft, um seinen Durchbruch als Komiker zu schaffen. An diesem Tag verändert ein Unfall sein Leben. Ein Junge kracht mit dem Fahrrad in sein Auto, er stürzt auf die Straße und stirbt. Andreas Merkel hat keine Schuld daran, aber der tote Junge lässt ihn nicht mehr los.

      Es ist ein böser Witz, dass dieser Unfall zum entscheidenden Anschub für Merkels Komikerkarriere wird. Die Londoner Presse bekommt Wind von dem deutschen Komiker, der sein Lachen verloren hat. Der Schicksalsschlag wird, ohne dass er das selbst will, zum Kapital von Andreas Merkel, er ist nun ein Mann mit einer Geschichte. Der Tod des Jungen bringt ihm den lange ausgebliebenen Erfolg, nur wenige Wochen nach dem Unfall bietet ihm die wichtigste Londoner Comedy-Managerin an, ihn auf die ganz großen Bühnen zu bringen.

      Andy, wie ihn seine britischen Freunde nennen, ist ein solider Handwerker des Lachens. Er hat genügend Selbsteinsicht um zu wissen, dass er mit seinen Nummern nur die deutsch-englischen Klischees ausbeutet. Im Prinzip erzählt er die Späße weiter, die seine englischen Kommilitonen mit ihm gemacht haben, ihm Hitlers "Mein Kampf" zum Geburtstag schenken und Ähnliches. Dass er selbst darüber lachen kann, dass macht ihn für sein Londoner Publikum zum "funny german": Hier ist er, der Exot, der eine einzige lustige Deutsche.

      Mit Andy reist man durch den Vergnügungsbetrieb eines Londoner Dezembers, durch die Szenerie der Firmen-, Vereins- und Freundesweihnachtsfeiern, "deren einzige Regel war, in hysterischer Euphorie alle Regeln anständigen menschlichen Umgangs zu ignorieren." Ronald Reng, der selbst fünf Jahre in London gelebt und auch in anderen Büchern von dieser Stadt erzählt hat, breitet die Geschmacklosigkeit, die Bierseligkeit und Bösartigkeit eines Londoner Pub-Publikums genauso aus wie seine hingebungsvolle Zuneigung für die britische Exzentrik, für die englische Höflichkeit und Lebenskunst. Zuallererst ist dieses Buch eine Liebeserklärung an London.

      In diesem schnörkellos und etwas zu glatt erzählten Roman stecken viele große Themen: der lange Nachhall der deutsch-britischen Feindschaft; das Doppelgesicht des Humors, der am besten von Verletzungen und Katastrophen lebt. Der melancholische Komiker Andy lässt am Ende die große Karriere erst mal sausen. Er will nicht zu einem Zyniker werden, der dank eines toten Kindes Karriere macht, noch nicht.

      Besprochen von Frank Meyer

      Ronald Rang: The Funny German
      Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2010
      313 Seiten. 9,95 Euro