Liebe und Krieg

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    • Liebe und Krieg

      Diese Rezension finde ich vielversprechend. Mich interessiert die Ambivalenz von Terrorismus. Es gibt verwandte Begriffe wie Befreiungskämpfer, Kombattanten, Staatsterrorismus. Wir denken an Entrechtete in Guatanamo. Wir denken an Aufstände und Revolten. Für die Stasi waren die Demonstranten Staatsfeinde und potentielle Terroristen. Für Türken die Kurden, für die Spanier die ETA, für Irland Katholen und Protestanten. Es gibt immer und überall die Frage nach dem moralischen Recht oder Unrecht von Terrorismus. Meist wird der Begriffsinhalt von den Regierenden vorgegeben. Fanatische Selbstmordattentäter sind für uns Terroristen, für Gläubige Helden. Deshalb mag dieses Buch zur Erkenntnis beitragen, wie unser Denken und Fühlen beeinflusst wird. Heinz


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      Yasmina Khadra, "Die Schuld des Tages an die Nacht", Ullsteinverlag Berlin 2010, 414 Seiten
      "Die Schuld des Tages an die Nacht" liest sich, als hätten sich die Großen versammelt: Steinbeck, Hemingway, Camus, Paul Valéry - ein Meisterwerk des magischen Realismus. Ein historisch-politischer Roman, ein großer Liebesroman und ein klassischer Entwicklungsroman, der das Heranwachsen eines Kindes bis ins Erwachsenenalter nachzeichnet.

      "Liebe mit all deiner Kraft, liebe, als ob es das Einzige wäre, das du vollbringen kannst, ... Liebe allein offenbart dem Hässlichen seine Schönheit."

      "Für Sie als Europäer ist es unmöglich, Terrorismus zu verstehen. Ich bin Araber, ich bin Muslim, ich habe die Terroristen auf den Schlachtfeldern getroffen, ich habe ihre Leichen vom Boden abgekratzt."

      Die Biografie des algerischen Schriftstellers Yasmina Khadra alias Mohammed Moulessehoul, Jahrgang 1955, ist übersichtlich: 35 Jahre lang diente er als Offizier in der algerischen Armee, zuletzt im Rang eines Oberst, und kämpfte gegen die algerischen Fundamentalisten. Nebenher schrieb er Bücher unter dem Namen seiner Frau Yasmina Khadra, politisch kritische Bücher, die ihn im Jahr 2000 zwangen, seinen Dienst zu quittieren und nach Frankreich ins Exil zu gehen, wo die Welt erfuhr, dass sich hinter dem weiblichen Pseudonym Yasmina Khadra der Offizier Mohammed Moulessehoul verbarg.

      19 Bücher hat Khadra seit 1984 geschrieben, oft Polit-Krimis wie zum Beispiel die Algier-Trilogie, die 2004 auf Platz Eins der deutschen Online-Bestseller-Verkaufsliste schoss. Der Roman "Herbst der Chimären" wurde mit dem deutschen Krimi-Preis 2008 ausgezeichnet.

      Khadras neuer Roman "Die Schuld des Tages an die Nacht" allerdings ist kein episodischer Kriminalroman, sondern ein historischer Schlüsselroman der Geschichte Frankreichs und Algeriens und der heutigen Auseinandersetzung mit dem islamistischen Terrorismus. "Die Schuld des Tages an die Nacht" erhielt den "Prix France Télévision", den wichtigsten Leserpreis Frankreichs und die französische Literaturzeitschrift "Lire" bezeichnete den Roman als "das Beste Buch des Jahres 2008". Monatelang stand er auf der Bestsellerliste und verkaufte sich über 400.000 Mal in Frankreich.

      Im Kern beschreibt der Roman die Entwicklung Algeriens von den 1930er-Jahren bis in die 1960er-Jahre hinein, geprägt vom blutigen Aufstand der Algerier gegen die Kolonialmacht Frankreich bis hin zur Unabhängigkeit.
      "Die Schuld des Tages an die Nacht" ist eine Familiensaga, ein historisch-politischer Roman, ein großer Liebesroman und ein klassischer Entwicklungsroman, der das Heranwachsen eines Kindes bis ins Erwachsenenalter nachzeichnet.

      Zentrale Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans, zu Beginn sieben Jahre alt, ist eine Junge namens Younes, -die arabische Variante von Jonas-, ein Junge muslimischer Herkunft mit blauen Augen und einem "engelsgleichen" Gesicht. Younes lebt zunächst in bitterer Armut, wird dann aber von seinem Onkel - einem Apotheker - adoptiert. Plötzlich zur Oberschicht gehörend, die Pubertät frei von Sorgen, die Mädchen himmeln ihn an, wächst Younes zum Mann heran; im Land beginnt der Bürgerkrieg, aber sowohl politisch, wie auch in der Liebe, ist Jonas unfähig zu handeln. Um ihn herum allerdings toben Leben und Handlung - ein Roman mit einem schwindlig machenden Sog.

      "Die Schuld des Tages an die Nacht" liest sich, als hätten sich die Großen versammelt, Steinbeck, Hemingway, Camus, Paul Valéry, -und "Die Schuld des Tages an die Nacht" ist ein Meisterwerk des magischen Realismus à la Gabriel García Márquez, ein zweites "Die Liebe in den Zeiten der Cholera".

      Besprochen von Lutz Bunk

      Yasmina Khadra: "Die Schuld des Tages an die Nacht"
      Aus dem Französischen übersetzt von Regina Keil-Sagawe, Ullsteinverlag Berlin 2010, 414 Seiten, 19,95 Euro