Dörrie Klimawechsel

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    • Dörrie Klimawechsel

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      Doris Dörrie über ihre ZDF-Fernsehserie "Klimawechsel"
      Doris Dörrie im Gespräch mit Jürgen König
      Frauen in den Wechseljahren sei ein Tabu, dass auch von den Betroffenen selbst aufrechterhalten werde, kritisiert Regisseurin Doris Dörrie. Sie hat über das Thema eine Komödie mit Traumbesetzung gedreht, die ab 7. April im ZDF zu sehen ist.


      Jürgen König: "Klimawechsel", eine sechsteilige Fernsehserie von Doris Dörrie und Ruth Stadler. Die ersten beiden Folgen laufen morgen Abend, 20:15 Uhr im ZDF. Guten Tag, Frau Dörrie!

      Doris Dörrie: Guten Tag!

      König: Sie hatten auch die Idee zu alledem. Ich muss zugeben, als ich davon hörte, dachte ich: Erstaunlich, dass die Wechseljahre der Frau ich glaube noch nie ausdrücklich Thema eines Fernsehfilms, einer Fernsehserie waren, obwohl sie doch, also die Wechseljahre, in bald jedem Film zumindest auch eine Rolle spielen. Warum hat das Fernsehen um das Thema bisher einen Bogen gemacht, wenn denn mein Eindruck richtig ist?

      Dörrie: Ihr Eindruck ist total richtig und ich glaube, das Fernsehen bildet nur das ab, was gesellschaftlich passiert: Es ist immer noch ein ziemliches Tabu, darüber zu sprechen.

      König: Wobei doch aber jede Frau eigentlich zweimal ihre Wechseljahre erlebt: In der Pubertät stellt sich der Körper auf die Ausschüttung der Geschlechtshormone ein und dann eben diese berühmte Phase so um die 50, wenn die Hormonproduktion langsam wieder zu Ende geht, der Körper sich wieder neu gewöhnen muss, was sich dann zeigt durch, weiß nicht, Blutungsunregelmäßigkeiten, Hitzewallung, Herzrasen, Stimmungsschwankungen - das ist doch alles sehr normal. Warum ist das Thema ein Tabu?

      Dörrie: Weil es natürlich sofort verrät, wie alt eine Frau ist. Und da wir Frauen so darauf trainiert sind, das niemals uns anmerken zu lassen, und das ja auch kräftig mit selber schüren, diese Angst vor dem Alter - die Plastic surgery, die Schönheitsoperationswelle hat natürlich auch sehr stark damit zu tun -, deshalb tabuisieren wir es selber auch brav mit.

      König: Und dem wollen Sie jetzt etwas entgegensetzen?

      Dörrie: Naja, weil das einen großen Haken hat. Wenn wir alle immer so tun, als gäbe es Krankheit, Alter und Tod nicht, und uns bemühen, immer schön und jung und erfolgreich zu sein, wächst die Angst vor all den drei Dingen immer mehr und plötzlich sind wir gefangen in einer unglaublichen Angst, die eigentlich nur lähmend ist und für uns alle schrecklich ist. Und da in diesen großen Luftballon der Angst auch zu stechen mit so einer Geschichte, das war mit ein Grund, es zu schreiben, also der tiefere Grund. Der andere ist wirklich, unterhaltsam zu sein und frech zu sein und auch dieser unglaublichen Schmonzettenwelt des Fernsehens um acht Uhr fünfzehn etwas entgegenzusetzen.

      König: Das gelingt Ihnen ja auch sehr schön. Sie erzählen von vier Lehrerinnen - ich vermute, zunächst weil das dramaturgisch gut passt, da gibt es viel Möglichkeit zu Handlung, zu Gespräch. Und es ist ja auch sehr schön zu sehen, dass den pubertierenden Schülerinnen und Schülern plötzlich Lehrerinnen gegenüberstehen, die ganz ähnlich chaotische Verhaltensweisen an den Tag legen.

      Dörrie: Ja. Hormonell passiert eigentlich fast genau dasselbe, ja. Man ist genau so hysterisch und außer sich und außer Rand und Band wie mit 14, 15, meistens.

      König: Wobei Sie Ihre Figuren schon auch als ausgesprochen anstrengende Wesen darstellen: Die sind zickig, unsicher sowieso, eitel, immer wieder auch, ja schon ziemlich peinlich, in ihren Hormonschüben unberechenbar und dann gerne auch ein wenig hysterisch. Sie verlangen Ihrem weiblichen Publikum schon einiges ab an Selbstkritik.

      Dörrie: Aber das, was Sie gerade beschreiben, es ist doch so, wie wir alle immerzu sind!

      König: Ja, immerzu, das haben Sie jetzt gesagt! Aber ich habe das auch schon erlebt, das will ich wiederum gerne zugeben.

      Dörrie: Ja, lassen Sie mich gar nicht erst von Männern anfangen. Wenn ich da Adjektive erfinden müsste ... Aber natürlich ist es auch der Spaß an dieser Serie gewesen, auch mit den Schauspielerinnen, wirklich auch unsere Schwächen sehr überspitzt und sehr drastisch zu formulieren und nicht so zu tun, als wären wir die besseren Menschen und wunderbar und tolerant und gefasst.



      Maren Kroymann ist Dr. Evelyn Bach, die Gynäkologin der besonderen Art. (Bild: ZDF, Kerstin Stelter)
      König: Die Schauspielerinnen, das sind Maria Happel, Ulrike Kriener, Juliane Köhler, Andrea Sawatzki und dann Maren Kroymann als Rat gebende Gynäkologin - eine Traumbesetzung, fand ich. Frauen zwischen 44 und 60, ich habe mir gedacht, das müssen lustige Dreharbeiten gewesen sein!

      Dörrie: Ja, das war toll, es war klasse. Wir konnten eigentlich auch gar nicht aufhören.

      König: ... und haben sich immer gegenseitig erzählt, wie schrecklich Sie eigentlich auch sind oder sein können?

      Dörrie: Ja, das brauchten wir uns gar nicht weiter zu erzählen, denn das wissen wir ja alle.

      König: Doch, das möchte ich aber gerne hören.

      Dörrie: Nein, das wissen wir alle und deshalb konnten wir da so aus dem Vollen schöpfen in der Situation und in dem Spiel damit. Das hat den großen Spaß gemacht, dass natürlich alle Lust hatten, dass auch wirklich so spitz und so komisch wie möglich darzustellen. Es macht in der Regel sehr viel mehr Spaß, mit seinen Schwächen zu hantieren, als ständig zu behaupten, dass man stark und toll ist. Das ist wahnsinnig langweilig.

      König: Gehen die Wechseljahre eigentlich irgendwann auch mal zu Ende und dann ist Schluss mit dieser Sehnsucht nach, ich weiß nicht, Leidenschaft, nach Sex, nach dem anderen Leben, dass die dann vorbei ist und endlich Ruhe einkehrt?

      Dörrie: Klar wird es auch irgendwann überwunden und dann kommt die nächste große Veränderung, dass man dann halt wirklich irgendwann richtig alt ist und sich mit dem Tod konfrontieren muss. Es ist eine Veränderung, wie sie uns laufend im Leben passiert, aber natürlich lösen Veränderungen immer große Angst aus. Und wenn man sie denn dann durchlebt, diese Veränderung, und auch wirklich akzeptiert, dass etwas anders wird, dann ist es wohl auch immer eine Chance.

      König: Haben Sie bei diesen Gesprächen mit den Kolleginnen und den Kollegen, nennen wir die auch gleich mit, schon auch das Gefühl gehabt, dass Sie jetzt für sich selbst ein Stück weitergekommen sind, wie mit diesen Unsicherheiten, mit diesen ganzen Schwankungen, mit den Wechselhaftigkeiten umzugehen wäre?

      Dörrie: Nein, also Sie stellen sich das glaube ich falsch vor, als wären Dreharbeiten jetzt irgendwie Lebensberatung. Nein, das hat schon was mit Professionalität und mit Lust an Komödie auch erst mal zu tun. Das ist dann kein Kaffeeklatsch, wo man sich irgendwie gegenseitig erzählt, wie schlimm die Hitzewallungen sind.

      König: Gut, aber alle Dreharbeiten sind irgendwann zu Ende und wenn eine ganze Fernsehserie so auf ein Thema fokussiert ist, dann kann ich mir schon vorstellen, dass man danach, davor, in den Pausen genau auch über solche Themen spricht?

      Dörrie: Nein, das tut man nicht, das tut man aber auch bei keinem Film. Also das thematisiert man dann nicht mehr, weil man es dann umsetzt. Das läuft vorher, beim Schreiben, da schon. Aber bei der Umsetzung ist das dann eigentlich thematisch auch gegessen, sondern da versucht man es halt so gut wie möglich zu erzählen, was man da als Thema hat.

      König: Die Männer sind in Ihrem Film ja irgendwie doch überfordert und ratlos. Wie soll man sich gegenüber einer Frau in den Wechseljahren am besten verhalten?

      Dörrie: Stillhalten. Stillhalten, Verständnis haben und vor allen Dingen auch immer wieder Humor anbieten und nicht entsetzt davonlaufen, sondern durchhalten und lachen, ab und zu lachen - also eigentlich auch genau so wie mit Teenagern. Auch mit Teenagern funktioniert Humor am Ende sehr viel besser als Konfrontation.

      König: Das ist eine Fernsehserie. Sie, Frau Dörrie, arbeiten eigentlich selten für das Fernsehen ...

      Dörrie: Eigentlich nie.

      König: Eigentlich nie, genau, immer mit dem Argument der großen Freiheit immer für das Kino entschieden - wird das jetzt der Beginn einer wunderbaren Fernsehfreundschaft?

      Dörrie: Das weiß ich nicht. Die Erfahrungen waren sehr, sehr positiv. Die Redaktion hat mich sehr unterstützt, hat mich nicht versucht, an irgendetwas zu hindern, auch an den Drastigkeiten und vielleicht auch Unanständigkeiten, die doch ziemlich geballt hier vorkommen ...

      König: So ist es.

      Dörrie: ... überhaupt nicht, überhaupt nicht, nein.

      König: Keine öffentlich rechtlichen Bedenkenträger?

      Dörrie: Gar nicht, überhaupt nicht.

      König: Das ist doch eine tolle Erfahrung!

      Dörrie: Ja, war es. Die waren sich von Anfang an auch allerdings darüber im Klaren, dass das mit mir auch schwierig sein würde, weil ich gesagt hatte, entweder so oder gar nicht.

      König: So sind Sie.

      Dörrie: Aber sie haben dann auch wirklich das gefressen und haben mich nach Kräften unterstützt.

      König: Die Regisseurin Doris Dörrie, zusammen mit Ruth Stadler schrieb sie die Fernsehserie "Klimawechsel", drehte selber die ersten beiden Folgen, beide zu sehen morgen Abend ab 20:15 Uhr im ZDF. Die weiteren vier Folgen dann ab übermorgen immer donnerstags um 21:00 Uhr. Die Wechseljahre werden auch bei uns ausführlich Thema sein am nächsten Samstag im "Radiofeuilleton", von 9:05 Uhr bis 11:00 Uhr wird dann auch zu Gast sein die Schauspielerin Maren Kroymann, die eben erwähnte Gynäkologin, Dr. Evelyn Bach aus dieser Fernsehserie "Klimawechsel". Frau Dörrie, ich danke Ihnen!