Anatomie der Trauer

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      Anatomie der Trauer
      Anna Mitgutsch: "Wenn du wiederkommst", Luchterhand Verlag, München 2010, 272 Seiten

      Der Roman "Wenn du wiederkommst" ist ein großer Klagegesang über den Tod und zugleich eine Recherche über die Schwierigkeit, das libertäre Modell der Liebe, wie es Sartre und Simone de Beauvoir entwarfen, unter den Bedingungen globaler Mobilität fortzuführen.

      Zwei Wochen ist es her, dass sich die Ich-Erzählerin und ihr früherer Mann entschlossen haben, es noch einmal miteinander zu versuchen. Am Flughafen von Boston haben sich die beiden getrennt, mit einem zärtlichen Kuss, beim nächsten Mal wollten sie auch wieder miteinander schlafen. Die Erzählerin, eine österreichische Schriftstellerin Anfang 60, fühlte sich plötzlich so jung und geliebt wie als 20-Jährige. Viele Male haben sie sich auf ähnliche Weise getrennt, er brachte sie zum Flughafen, sie fuhr zu Lesereisen oder zurück nach Europa. Keiner konnte wissen, dass es dieses Mal endgültig war.

      Als sie die Stimme ihrer erwachsenen Tochter am Telefon hört, weiß sie, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. "Dad ist gestorben, (...) er ist tot!" "Nein, sage ich. Nein, das kann nicht sein, wir haben doch gestern Abend erst telefoniert."

      Wer Joan Didions autobiografischen Erfahrungsbericht "Das Jahr des magischen Denkens" über den Tod ihres Mannes kennt, kann gar nicht anders, als beim neuen Roman der 1948 geborenen Österreicherin an dieses Buch zu denken. Dennoch ist hier einiges anders. Nicht nur, dass es sich um einen Roman handelt, sondern vor allem in Hinsicht auf das Verhältnis des Paars. Bei Didion wird eine 40-Jährige glückliche Ehe durch den Tod geschieden, bei Mitgutsch wächst sich der Klagesang über den Tod des geliebten Mannes zu einem Trauerbuch über die Liebe aus: Sie war da, und sie war groß, doch die beiden Liebenden haben sie nicht besonders pfleglich behandelt.

      Wie eine Doppel-Helix umwinden sich die beiden Elegien. Das macht diesen Roman zu einer schmerzlichen, aber auch aufschlussreichen Lektüre. Die Erzählerin muss all das ertragen, was man beim Verlust eines geliebten Menschen empfindet: die Phase der Ungläubigkeit, das allmähliche Begreifen, die schreckliche Erkenntnis des absoluten Bruchs und der vollständigen Unerreichbarkeit des Anderen. Dazu die grausame Abtrennung von der Umwelt, die mit beschwichtigenden Formeln Trost geben will - "Life must go on" -, und doch nur den Schmerz verstärkt, weil sie der Hinterbliebenen zeigt, dass sie mit ihrer Trauer allein ist.

      Das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturkreise verstärkt diese Erfahrung. Jerome war amerikanischer Jude mit europäischen Wurzeln. Während die Schiwa-Woche im Judentum bedeutet, dass die Trauernden eine Woche lang umsorgt werden, kommen die amerikanischen Freunde Jeromes wie zu einer Party in das alte Haus am Charles River: als Gäste, die Verpflegung erwarten, ein bisschen plaudern und nach einem Blick auf die Uhr ihren Tagesgeschäften nachgehen. Das Schlimmste aber ist, dass die Erzählerin zwar wie eine Witwe trauert, dass ihr aber die Freunde und Verwandten diesen Status absprechen. Denn schließlich war das Paar seit 15 Jahren geschieden.

      Der Roman beschreibt die "Anatomie der Trauer" in einem Stil, dem man anmerkt, dass Anna Mitgutsch weit in der Welt herumgekommen ist. Ihre Romane sind beseelt von einer Melancholie, die von der beiläufigen Alltagsnähe amerikanischen Erzählens in Zaum gehalten wird. "Wenn du wiederkommst" ist ein großer Klagegesang über den Tod und zugleich eine Recherche über die Schwierigkeit, das libertäre Modell der Liebe, wie es Sartre und Simone de Beauvoir einstmals entwarfen, unter den Bedingungen globaler Mobilität fortzuführen.

      Besprochen von Meike Feßmann

      Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst
      Luchterhand Verlag, München 2010
      272 Seiten, 19,95 Euro