Nebelsturm

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    • von Johan Theorin. Ist was für kalte Winterabende vor dem knisternden Holzofen, wo der Geruch alten oder verbrannten Holzes die Nase umweht. Liest sich packend.

      Ein kalter, finsterer Oktober auf Öland. Niemand sollte sich jetzt draußen aufhalten. Nebel und Schneestürme kündigen sich an. Joakim hat die Abergläubigen der Insel nicht um Rat gefragt und ist mit seiner Familie auf dem prachtvollen Hof Åludden eingezogen. Aus dem Holz eines Schiffswracks ist das Anwesen errichtet worden. Man sagt, die Leuchtturmbauer haben die Schreie der ertrinkenden Seeleute damals nie vergessen können. Auf den Balken der Scheune stehen noch immer die Namen der Toten eingeritzt, und all seinen Bewohnern hat dieser Ort nur Unglück gebracht. Und dann findet man die Leiche von Joakims Frau Katrine: sie ist tot, ertrunken. Die junge Polizistin Davidsson nimmt sich des Falles an. Was ist mit Åludden? Und welche Rolle spielt Joakims Schwester, zu der die Familie längst den Kontakt abgebrochen hat?
      Das meint Krimi-Couch.de: »Erst unscheinbar, dann gewaltig – wie ein echter Nebelsturm« 85°Treffer

      Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

      Joakim Westin und seine Frau Katrine haben die Stadt Stockholm hinter sich gelassen und für sich und ihre beiden Kinder den alten und großräumigen Hof Aludden auf der Insel Öland gekauft. Das Anwesen liegt abgelegen an der Küste in der Nähe zweier Leuchttürme. So wollen es die Legendenbildungen der Insel, dass jährlich zu Weihnachten die Toten als Wiedergänger den Hof aufsuchen.

      Joakim interessieren solche Geschichten nicht und fährt daher gut gelaunt kurz nach seinem Einzug in Aludden noch ein letztes Mal nach Stockholm, um aus seinem alten Haus die dort verbliebenen restlichen Gegenstände abzuholen. Auf der Rückfahrt erwartet ihn jedoch eine Schreckensnachricht, denn die junge Polizistin Tilda Davidsson teilt ihm am Handy mit, dass seine sechsjährige Tochter Livia im Meer ertrunken sei. Kaum zurück erwartet Joakim der nächste Schock, denn bei seinen Nachbarn findet er Livia wohlauf. Eine tragische Verwechslung wie Tilda einräumen muss.

      Währenddessen treibt eine Bande Einbrecher auf Öland ihr Unwesen. Nach dem diese es bislang nur auf unbewohnte Sommerhäuser abgesehen haben, wollen sie nun – sozusagen zum Abschluss ihrer Aktivitäten auf der Insel – noch ein paar bewohnte Häuser ausnehmen. Höhepunkt soll dabei Aludden sein, wo es angeblich sehr wertvolle Gemälde gibt.

      Derweil kehrt für Joakim notgedrungen der Alltag wieder ein, doch plötzlich hört Livia nachts Stimmen aus der Wand ihres Zimmers. Auch Joakim entdeckt mehr und mehr die Geheimnisse des Hofes und dessen Vergangenheit. Sollten die Verstorbenen tatsächlich versuchen, Kontakt aufzunehmen? Als wäre dies nicht schon schlimm genug, deuten die Wetterprognosen darauf hin, dass ein schlimmer Nebelsturm die Insel heimsuchen wird. Bereits in der Vergangenheit fielen mehrere Menschen einem derartigen Naturereignis zum Opfer. Und dann steht auch noch Weihnachten vor der Tür…

      Johan Theorin ist ohne Zweifel eine der Entdeckungen der skandinavischen Krimiszene der letzten Jahre. Sein Erstling mit dem schlicht anmutenden Titel Öland wurde als bester Debütroman prämiert, und Nebelsturm bekam 2008 von der Schwedischen Krimiakademie den Preis für den besten Krimi des Jahres. Dabei ist Nebelsturm alles andere als ein gewöhnlicher Kriminalroman.

      Zunächst fällt auf, wie ruhig und ausschweifend die Geschichte erzählt wird, wobei im vorliegenden Fall das Wort »ausschweifend« einmal nicht negativ besetzt ist. Still und heimlich – der Begriff suspense scheint passend – treibt der Autor seine Geschichte voran. Schritt für Schritt werden die Geschichten von Joakims und Katrines Familien offen gelegt, wobei zahlreiche dunkle Kapitel aufgedeckt und aufgeklärt werden.

      Ergänzend erzählen Katrines Mutter, in einem Buch, und Gerlof, der Bruder von Tildas Großvater Ragnar, über Aludden und dessen geheimnisvolle Vergangenheit. Diese begann im Winter des Jahres 1846, als ein Schiff vor der Küste sank, aus dessen Holzbalken später Aludden errichtet wurde. Seitdem gibt es die berüchtigten Geschichten über Wiedergänger und den Hof, in dessen Vergangenheit es immer wieder zu seltsamen Todesfällen kam. So auch im vorliegenden Fall, bei dem eine Person (der Name soll nicht verraten werden) von einer Mole ins Meer stürzt und dort im eiskalten Wasser ertrinkt. Die Spuren im Sand zeigen eindeutig, dass die Person alleine war, nur ist völlig unklar, warum sie ausgerutscht sein soll. Oder war es ein Selbstmord, für den es aber keinen nachvollziehbaren Anlass gibt, ganz im Gegenteil. Einen Mord als dritte denkbare Todesursache schließt zumindest die Polizei aus, die den Fall recht schnell als tragischen Unfall zu den Akten legt. Allerdings ist die gerade erst mit der Ausbildung fertig gewordene Tilda weitgehend auf sich alleine gestellt.

      Nebelsturm ist ein Kriminalroman mit zahlreichen Mystery-Effekten und erzählt zudem zwei tragische Familiengeschichten, die von zahlreichen Missverständnissen geprägt sind. So steuert der Plot langsam, aber stetig auf seinen Höhepunkt an Weihnachten zu, wo die Ereignisse sich plötzlich überschlagen. Am Ende werden alle Fragen über die Toten der Gegenwart und der Vergangenheit sauber beantwortet. Das ist großes Kino, wobei das Schöne dabei ist, dass die Öland-Serie als »Jahreszeiten-Quartett« angelegt ist. Soll heißen, dass es noch zwei weitere Romane geben wird.

      Mein Tipp: Lesen Sie dieses Buch in der bevorstehenden kalten Jahreszeit.

      Jörg Kijanski, November 2009