wie pack ich es - an?

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Hallo BetreuerNeuling,

      deine Gründe für den Fernlehrgang kann ich gut nachvollziehen. Ich hoffe und wünsche dir, dass dir der Lehrgang viel bringt. Schau aber auch, dass du genügend Kontakt mit anderen Beginnern findest, praktisch eine Peergroup, in der ihr euch auch abseits und nach der Ausbildung noch per eMail oder gelegentliche Treffs austauscht. Das ist sehr hilfreich, auch für die Seelenhygiene.

      Es beginnt mit Ehrenamtlichkeit. Da geht kein Weg dran vorbei. Und mit der oder den ersten Betreuungen hast du den Fuß in der Türe der Institutionen, die dann gerne mit dir zusammenarbeiten möchten. Regelmäßige Kontakte mit den Heimen oder den Betreuten zuhause, hier eine Visitenkarte und dort Mundpropaganda und du bist im Gedächtnis derer, die dafür sorgen können, dass du fix deine 11 Betreuungen bekommst. Auf das Betreuungsamt würde ich nicht hoffen. Habe ich damals nicht getan und heute schon mal gar nicht. Die Situation hat sich in den letzten 9 Jahren erheblich verändert und ist mit der vor über 10 Jahren nicht vergleichbar.

      Damals konnte ich selbst den Bedarf bemessen. Musste den natürlich aufwendig rechtfertigen und gut begründen, wenn ich mehrmals die Woche bei der oder dem Betreuten war und im Monat auf über 30 Stunden kam. Aber manche Krankheit oder auch die Komplexität der finanziellen Situation verlangte es. So war ein Betreuter Vermieter und hatte mehrere Mieter. Die Nebenkostenabrechnungen hatte er geschludert, die Mieter minderten die Mieten und und und. So einfach mal die Angelegenheit einer Hausverwaltung übertragen ging auch nicht. Also habe ich es gemacht. Das kostete Zeit, die heute nicht mehr finanziert wird. Outsourcing ist das Stichwort. Andere Dumme zu finden, die für wenig Geld die Arbeit machen.

      Weshalb ich dem Job immer noch was abgewinnen würde? Von Berufung kann man wohl nicht mehr sprechen, jedenfalls nicht als Berufsbetreuer. Als Ehrenamtler mit viel Herzblut sicherlich. Doch wie gesagt, den eigenen Lebensunterhalt zu finanzieren oder zumindest nach Abzug aller Steuern, Versicherungen und Kosten noch eine akzeptables Einkommen zu behalten, bedeutet, genügend Betreute zu haben, sie im Rahmen der Vergütungspauschalen abrechnen zu können, aber dann doch wenig Zeit für die individuelle Betreuung und den Menschen zu haben, vor allem bei deren oftmals mehrfachen seelischen oder auch geistigen Behinderungen.

      Idealismus hat meines Erachtens im Bereich der beruflichen Betreuung keinen Platz und auch keine Chance mehr. Dafür haben die Politker gesorgt und ganze Arbeit geleistet. Auf der anderen Seite ist Frustration vorprogrammiert sowohl für die Betreuten, die überwiegend eine Rundumversorgung haben möchten und dennoch selbst noch viel entscheiden wollen. Auf der anderen Seite bei dir selbst, weil du siehst und spürst, es müsste noch viel mehr gemacht werden, damit es rund läuft und dir selbst auch eine gewisse Befriedigung verschafft.

      Früher hieß es, wer nichts wird, wird Wirt. Heute könnte der Spruch lauten, wird Betreuer oder geht in die Pflege, da sieht es nicht viel anders aus mit der Stoppuhr in der Hand und dem "Betrug" der Pflegekassen samt MDK an den Pflegediensten und auch Pflegebedürftigen. Und dennoch entscheiden sich viele ganz bewusst sowohl für die Pflege wie auch für den Job des oder der Betreuer(s)in.

      Wer wissend und sehend sich in den Kampf begiebt, weiß was auf ihn oder sie zukommt und wird nicht enttäuscht. Gestern bedauerte mich ein Polizist, als ich den Jugendlichen zur Vernehmung und erkennungsdienstlicher Erfassung begleitete wegen diverser Vergehen. Ich weiß nicht, obs klappt, ob ich den Jugendlichen auf eine andere bessere Spur bringe. Und als Betreuer weiß man nicht, ob die Arbeit sich für den Betreuten wirklich auszahlt und rentiert. Es ist ein Versuch wert. Ohne Betreuung wäre der Fall tiefer und härter. Vielleicht hilft die Betreuung, den Absturz abzufedern, Alternativen aufzuzeigen, die Resilienz zu mobilisieren oder auch nur das Leben des Betreuten einwenig erträglicher zu machen. Und das kann schon sehr viel sein. Manche haben im Jobcenter schon soviel Sch....e erlebt, dass sie das Haus nicht mehr betreten wollen, ja nahezu nicht mehr betreten können, weil sie dann nahezu hysterisch werden. Also stellt man sich dazwischen. Versucht zu vermitteln. Das meiste für den Betreuten zu erreichen und helfen, Angst und Frust zu verlieren.

      Insofern sind die Berufsfelder der Jugendhilfe und der Betreuung Erwachsener sich sehr ähnlich. Frust ist überall. Die Kunst besteht darin, sich und die Arbeit nicht über den Erfolg zu definieren, sondern über den Wert der Arbeit ansich. Man-frau bringt sich ein wie ein kleines Rädchen, das in dem Zusammenspiel mit anderen Rädchen mitunter dem Ganzen eine andere Laufrichtung geben kann oder auch nur die Laufgeschwindigkeit verändert.

      Betreute sind oft wie Obdachlose, auch wenn sie noch eine Dach über den Kopf haben. Sie sind orientierungslos wie Flüchtlinge oder kulturell Entwurzelte. Und in dem System von Bürokratie, von Formalien und Bescheinigungen und Bestätigungen, wo jeder Antragsteller schon als potentieller Sozialschmarotzer betrachtet wird, der Bodensatz der Gesellschaft. Und die Gesellschaft hat die Hilfsbedürftigen, die sie verdient. Das heißt, im Umgang mit den Hilfsbedürftigen gibt sich die Gesellschaft zu erkennen, wie menschlich oder unmenschlich sie ist.

      In der Weise, wie wir uns den Hilfsbedürftigen unserer Gesellschaft trotz aller Anforderungen und Einschränkungen, Pauschalierung und Budgetierung, zuwenden, in der weise zeigen wir, in welcher Gesellschaft wir leben möchten, was wir dazu beitragen, wie sich die Gesellschaft entwickeln soll. Insofern bleibt alles soziales Engagement, ob ehrenamtlich oder beruflich, ob Betreuer oder Familienhelfer, Streetworker, Kranken- und Altenpflege, aber auch Lehrer und Polizei und wer auch immer, idealistisch. Sie alle, wir alle wollen, dass das Zusammenleben nicht nur erträglich, sondern lebenswert ist.

      Die Frage, die du dir stellst oder stellen solltest, ist dieses Engagement in der Form, das was du machen kannst und willst, oder gibt es für dich persönlich Alternativen, wo du meinst, noch besser am Platz zu sein mit deinen Kenntnissen aber auch Fähigkeiten im Rahmen deiner privaten Möglichkeiten. Durch die Veränderungen im Job als Berufsbetreuer war meine Ehe über lange Zeit erheblich belastet bishin gefährdet. Es war dann nicht mehr das was ich leisten konnte und wollte. Andere können es sehr gut und kommen mit den Einschränkungen und Belastungen gut klar.
      Ich denke, darüber solltest du dir vorher sogut wie eben möglich klar werden. Was kannst du, was willst du und zu welchem Preis.

      In diesem Sinn weiterhin viel Erfolg
      Heinz

    • Hallo Heinz,

      es ist völlig Ok, meinen Beitrag zu verschieben. Daher danke!

      Ok, für mich wäre ein Fernlehrgang sinnvoll, gerade weil ich dann ein schreiendes Kind hier habe ;) Und es dauert "nur" 9 Monate und ist bezahlbar. Und die ausreichenden Qualifikationen habe ich ja schon. Ich denke, ich probiere das dann einfach mal aus :)

      Ich weiß, dass man seine persönlichen Erfahrungen und Prägungen nicht übertragen darf. Abgrenzung ist das A und O und dennoch menschlich bleiben. Dieser Spagat ist sicherlich erlernbar. Wie viel Kontakt hattest du denn im Durschnitt mit denen, die du betreut hast?

      Bei den ortansässigen Vereinen hier werde ich mich mal erkundigen und nachfragen, was die so anbieten. Ein Amtsgericht gibt es in meiner Stadt auch.

      Wenn ich also nicht bei den Gerichten mit Vitamin B vorgeschlagen werde, habe ich nicht so schnell Erfolg? Oder wie ist das? Bearbeiten die dann meine Bewerbung einfach ewig nicht?

      Du beschreibst sehr genau, welche Probleme auf einen zukommen. Das mit dem Urlaub klingt unangenehm, aber ich denke, dies ist die Kehrseite der Medaille.

      Könntest du mal aufzählen, welche Vorteile du in diesem Beruf siehst? :)

      Wie schnell/langsam hast du deine mind. 11 Betreuungen erhalten? Hat es auch mehr als ein Jahr gedauert?

      Danke im Voraus und noch einen schönen Tag !!! :)
    • hallo BetreuerNeuling,

      hab mir erlaubt, entgegen deiner Planung, einen eigenen Thread aufzumachen.

      Du hast reichlich Fragen. Das gefällt mir. Es zeigt einen klaren Blick für Strategie und Planung.

      * zu deiner Ausbildung kann ich nichts sagen, ich habe beim IFB ifb-werdum.de/einzelseminare/ damals hieß die Ausbildung systemischer Betreuer gemacht und war sehr zufrieden. War recht lang und auch nicht billig. Hat sich aber gelohnt. Heute ist das Angebot anders, aber gewiss auch das Geld wert. Die Berufsverbände BdB bdb-ev.de/ und VfB bvfbev.de/Seminare-fuer-Berufsbetreuer.htmlbieten auch Fortbildungen an. Der Kontakt zu einem Berufsverband empfiehlt sich, da man als Berufsbetreuer organisiert sein sollte. Über den Berufsverband gibt es weitere Infos zu entsprechenden Versicherungen insb. Vermögensschadenhaftpflicht oder Berufsunfall oder Rechtschutz. Auch das sollte mal bedacht sein.

      * du hast dich nicht 'ausgezogen'. Jeder/jede hat eine Vorgeschichte, die einen zu diesem Beruf trägt. Viel Persönliches birgt hingegen das Risiko der Übertragung. Davor ist niemand ganz gefeit. Wichtig es für sich im Blick zu behalten, wo man-frau zu Vergleichen neigt.

      * Deine finanziellen und zeitlichen Ressorcen sind für diesen Beruf und insb. den Einstieg wie geschaffen: freie Zeiteinteilung, sukzessive Belastungssteigerung bis zur persönlichen Belastungsgrenze und vor allem learning by doing. Wer ehrenamtlich beginnt, hat alle Nachsicht und Respekt für das Engagement. Und bei den ortsansässigen Vereinen kannst du kostenfrei Fortbildungen nehmen, da die Vereine sogenannte Querschnittsaufgaben zu erfüllen haben eben für Ehrenamtliche. Solche Vereine sind ausgewiesene Betreuungsvereine oder der Sozialdienst katholischer Männer und Frauen oder Diakonie oder dgl.

      * Bist du im Einzugsgebiet mehrerer Amtsgerichte, kannst du dich natürlich auch bei allen Gerichten vorstellen. Da aber bei den Gerichten oftmals mehrere Richter und Richterinnen tätig sind, würde ich nicht dort Klinken putzen gehen, sondern mich von jemandem vorschlagen lassen und mich dann bei dem dann zuständigen Richter oder Richterin meine Bewerbungsmappe abgeben und bitten, sie den Kollegen oder Kolleginnen weiter zu reichen. Die Betreuungslage erfährst du bei der Betreuungsstelle, meist einer kommunalen Einrichtung, die dem jeweiligen Betreuungsgericht zuarbeitet und wesentlich zur Kontrolle und Vertretung der Betreuer beauftragt ist.

      * Die Aufwandspauschale bundesanzeiger-verlag.de/betreuung/wiki/Aufwandspauschale
      ist pro Betreuung. Also bei 3-4 Betreuungen im ersten Jahr praktisch 12-1600 €. Wieviele Betreuungen du im ersten Jahr erhälst ist Spekulation und du hast keinen Anspruch, möglichst bald ausreichend Betreuungen zu erhalten.

      * Als ich 1998 anfing, war die Welt der Betreuer noch in Ordnung. 2005 hat der Gesetzgeber und Frauen die Lage verschlimmbessert und die Budgetierung und Pauschlierung eingeführt. Bis 2008 hab ich noch durchgehalten. Dann wechselte ich peu a peu in die Jugendhilfe. 2004 war ich politisch mit aktiv, dass die Vergütung des Betreuungsrechts der Jugendhilfe angepasst würde, was nicht geklappt hat. Die Verdienstmöglichkeiten sind in der Jugendhilfe geringer, dafür die Arbeit befriedigender und stressfreier. Doch all die Berufsjahre habe ich aus einem separten Arbeitszimmer der Wohnung gearbeitet. Erwogen kann natürlich auch, mit der Zeit mit anderen Betreuern - Betreuerinnen eine Sozietät zu errichten. Das kann sich rechnen. Vor allem hat man dann eher die Möglichkeit der Vertretung in Krankheits und Urlaubszeiten. Zu bedenken ist ja, dass Betreuungen persönlich zu führen sind. Heißt, wer als BetreuerIn benannt ist, hat im Notfall, also auch im Krankheits- und Urlaubsfall seine Verpflichtungen zu erfüllen, die nicht immer deligiert werden können wie z.B. Anordnung der geschlossenen Unterbringung oder Operationen. Aber auch Schwierigkeiten mit den Nachbarn, weil der oder die Betreute wieder Randale macht, können einen den Urlaub vermiesen.

      Sogut erst mal. Bis auf Weiteres herzlich
      Heinz
    • Lieber Heinz,

      toll und danke für deine ausführlichen Infos.

      Natürlich habe ich dennoch weitere Fragen ;)

      Ich dachte mir schon, dass meine Ausbildung mich bereits ausreichend qualifiziert. Dennoch denke ich, dass so eine Weiterbildung im Bereich Betreuung sinnvoll wäre (die Beck Akademie bietet den Fortbildungskurs an, ich sprach es ja bereits an). Du kannst nicht zufällig sagen, ob dieser Kurs was taugt? Ich möchte diesen Kurs absolvieren, da ich demnächst in Elternzeit gehen werde, da mein Mann und ich Nachwuchs erwarten. Ich weiß, dass ich mir hohe Ziele stecke, aber in diesem Jahr der "Untätigkeit" möchte ich gerne etwas machen, das mich weiterbringt und die Fortbildung dauert "nur" 9 Monate. Da ich mich gerade auch beruflich neu orientiere, und eben an den Beruf des rechtlichen Betreuers dachte, kann ich nach dem Jahr Pause etwas Neues aufbauen. Mein Mann verdient i.Ü. gut, so dass ich mich theoretisch nicht sorgen müsste, wenn ich auch den Anspruch an mich hege, etwas beizutragen. Und das möchte ich auch!

      Ich mache mich jetzt vermutlich nackig, aber gerne schildere ich genauer, was mich ausmacht, damit du ggfs. objektiver einschätzen kannst, ob ich geeignet bin - sofern dies im Rahmen eines Forums überhaupt möglich ist.

      Zeit werde ich haben, auch wenn ich dann ein Kind habe, aber es gibt ja ab einem gewissen Alter auch Kitas und Krippen. So wie du das beschrieben hast, hat man anfangs auch nicht viele Betreuungen, so dass ich auch mit der Suche nach einem Kitaplatz keine großen Probleme haben werde (wir wohnen eher ländlich, obwohl ich aus einer Großstadt komme und das Betreuungsangebot ist gut).

      Mit den Lebensverhältnissen von Alkis, psychisch Kranken und Dementen kenne ich mich aus. (Jetzt mache ich mich nackig:) Mein Vater war Alkoholiker, ist auch daran gestorben; meine gesamte Familie und deren Umfeld sind psychisch krank - von Schizophrenie bis Manien sind alles vertreten, so dass es ein Wunder ist, dass ich so normal geblieben bin. Meine Großeltern waren dement, und ich habe auch schon in einer Einrichtung für Demenzkranke gearbeitet als Rezeptionistin. Ich will damit sagen, dass mich so leicht nichts schocken kann. Jobcenter kenne ich zwar nicht, aber aufgrund meiner Familie hatte ich auch schon Kontakt mit den psychosozialen Diensten, bei denen ich oft leider feststellen musste, dass gegen den Willen des Patienten nichts geschieht. Familienstreitigkeiten kenne ich aus meinem eigenen Leben. So viel dazu. Bin gespannt, was du meinst.

      Meine Persönlichkeit ist geprägt durch mein kommunikatives Wesen und Empathie. Ich kann gut mit Menschen umgehen. Das ist wohl das, was mich ausmacht. Ob man immer die Ruhe bewahren kann und dies im Betreuer-Bereich benötigt, ist natürlich eine andere Seite. Aber man wächst ja auch an den Aufgaben, oder?

      Stelle ich mich eigentlich bei mehreren Gerichten vor? Nur bei einem in meiner Ortschaft erscheint mir zu gering. Ich bewerbe mich in der freien Wirtschaft ja auch nicht nur bei einem AG. Und sind Großstädte besser geeignet als kleinere Orte für solch einen Beruf? Kann ich irgendwie in Erfahrung bringen, wie die Betreuungslage in meinem Ort ist?

      Was hat es mit dieser Jahrespauschale für ehrenamtliche Betreuer auf sich? Diese gilt also, solange ich weniger als 11 Betreuungen führe? Und das sind 3.500 € im Jahr? Mehr nicht? Also das wäre mein Einkommen in der ersten Zeit?

      Wenn ich das richtig verstanden habe, muss ich ordentlich Marketing für mich machen, ehe ich im Berufszweig was gelte, richtig?

      Und die Arbeitszeit variiert stark? Mal arbeitet man einfach zu viel, und mal hält es sich im Rahmen?

      Wie viele Betreuungen führst du denn? Und hast du ein Büro bei dir Zuhause oder dafür Räume gemietet? Ich habe noch keine Vorstellung davon, wie man sich organisieren kann.

      So, jetzt kam auch eine Menge von mir. Vielen Dank schon mal vorab und viele Grüße!
    • hallo BetreuerNeuling,

      auch Dir ein herzliches Willkommen hier im Forum. Ich wünsche dir, dass all deine Fragen beantwortet werden und du mit den Antworten für dich persönlich gut weiterkommst.

      Dein Studium qualifiziert Dich m.E. bereits für die höchste Vergütungsstufe von 44 € brutto, soll heißen, darin enthalten ist alles. Es gibt keine zusätzlichen Erstattungen sei es Fahrtkosten oder Beihilfen oder dgl. Brutto für Netto. Ansonsten hast du davon nicht nur deine Krankenkasse, sondern auch Vermögensschadenhaftpflicht und Berufsgenossenschaft zu zahlen und überschreiten irgendwann einmal deine Einkünfte die Schallgrenze, dann neben Einkommens- und Umsatzsteuer auch Gewerbesteuer. Schließlich betreibt ein Berufsbetreuer ein Gewerbe, so wie freiberufliche Ergotherapeuten oder Masseure oder Frisöre und dgl. zu deren Berufsgenossenschaft der Wohlfahrtspflege Berufsbetreuer zählen. Aber am Anfang als Kleinunternehmer wirst du wohl auch von der Umsatzsteuer befreit sein.

      Du fragst nach dem Werdegang. Die erste Frage ist, hast du Zeit? Kannst du dich um die Belange anderer kümmern? Zweite Frage, hast du mit solchen Lebensverhältnissen von Alkis, Dementen, sonstigen Behinderten oder psychisch Kranken schon zutun gehabt? Hast du schon Erfahrung mit Jobcentern, psychosozialen Diensten wie auch Familienstreitigkeiten? Wie du hier im Forum gut nachlesen kannst, kommen zu den alltäglichen Schwierigkeiten der Finanzen oftmals innerfamiliäre Aufgaben auf dich zu. Da ist es gut zu wissen, welche Pflichten Angehörige haben, der Eltern für ihre Kinder, Kinder für ihre dementen Eltern, Erbberechtigte untereinander, und dgl mehr.

      Mit fundierten Rechtskenntnissen bist du schon auf der sicheren Seite. Spezielles Recht der SozialGesetzBücher wirst du schon haben oder dir aneignen.

      Solltest du also Zeit und die Kenntnisse haben und aber auch Geld, die erste Zeit der Betreuungen gut durchzustehen, ohne solide Einkünfte, da du nur Pauschalen für Ehrenamtler bekommst, dann mach eine Werbemappe fertig und einen Termin bei der Betreuungsstelle oder der Geschäftstelle des AG und stell dich als Aspirant vor. Entweder fertigen sie dich sogleich ab oder vertrösten dich.

      willst du weiterhin Berufsbetreuer sein, wirst du dich nicht abschrecken lassen, sondern dann erst recht dich einbringen. Bist du in deiner Stadt etabliert, kennst 'Jod un Fott' wie wir hier im Rheinischen sagen, dann lass deine Beziehungen spielen zu Vereinen, Altersheimen, Tafel und dgl. überall deine Visitenkarte oder gar einen kleinen Flyer verteilen, aus dem zu ersehen ist, wer du bist, was du kannst und machst. Bei mir waren es die Tätigkeiten fürs Blaue Kreuz und Erstkontaktgruppe für Suchtkranke, Strafgefangenenhilfe, Kinderschutzbund, Telefonseelsorge, Jugendgruppenleitung und verschiedes mehr.

      Dann kommt deine Persönlichkeit ins Spiel. Wie kannst du auf Menschen zugehen und mit ihnen und ihren Sonderlichkeitren umgehen. Für gewöhnlich empfiehlt die Betreuungsstelle für eine anzuordnende Betreuung einen Betreuer oder Beginner dem Gericht. Da die Konkurrenz nicht schläft, ist dieser Weg am Anfang beschwerlich. Besser ist, jemand, der eine Betreuung benötigt, möchte dich als Betreuer. Dann geht der Antrag mit der Bitte, nur dich als Betreuer zu benennen und zwar nach dejure.org/gesetze/BGB/1897.html insb. Abs. 4

      Bist du bei Gericht noch nicht bekannt, wirst du dich dann persönlich vorstellen und erklären, dass du gerne die Betreuung von dem- oder derjenigen übernehmen möchtest. Hast du dann im Laufe des Jahres deine 10-11 Betreuungen, kannst du dann deine Arbeit als Berufsbetreuer geltend machen. Ansonsten erhälst du nur die Jahrespauschale eines ehrenamtlichen Betreuers. Das sind dann drei einhalb Tausend im Jahr für 10 Betreuungen. Das ist wahrlich nicht viel.

      Als Berufsbetreuer wirst du dann nach § 4 und § 5 VBVG dejure.org/gesetze/VBVG/5.html
      Das ist dann ab der 11 Betreuung im Schnitt 4 Stunden im Monat, also bei 11 Betreuungen 44 €/pro Stunde und Betreuung. Lass es mal mit jüngeren Betreuungen 2000 € sein. Du kannst es dir dann ausrechnen, wieviele Betreuungen du in absehbarer Zeit bekommen musst, um ein Einkommen zu erzielen, von dem du Netto leben kannst. Gehen wir mal von 2100 € netto aus, also mindestens 3000 € Brutto, einer durchschnittlichen Vergütung pro Betreuung von 4 Stunden und 44 € pro Stunde, musst du schon 17 Betreuungen haben. Abgerechnet wird in der Regel pro Quartal.

      Umgekehrt wird auch ein Schuh draus - die Arbeitswoche für Selbständige ist im Schnitt bestenfalls 40 Stunden, oftmals mehr. Das sind dann bei durchschnittlich 4,5 Wochen pro Monat ca. 200 Stunden im Monat bzw. bei 17 Betreuungen 12 Stunden pro Betreuung im Monat, also 2,6 Stunden pro Betreuung in der Woche - brutto versteht sich also inklusive aller Fahrtzeiten, Telefonate, Schreibarbeiten, Berichte, Gespräche mit Ärzten und Nachbarn oder Pflegepersonal und und und.

      Jetzt haben alteingesessene Betreuer oftmals 40-50 oder auch mehr Betreuungen. Eine kleine Rechenaufgabe, wieviel Zeit sie pro Betreutem im Monat widmen (können).

      Das nächste Problem ist, je weniger Zeit für den einzelnen Betreuten übrig bleibt, desto höher werden die Risiken für Vermögensschäden. So steigt der Versicherungsbetrag der Berufhaftpflicht ähnlich der Hebammen stetig an. Zudem geht viel Zeit auf Remonstrationen oder sonstigen unergiebigen Rechtstreitigkeiten drauf, wo der Betreute oder dessen Angehörige die Arbeit des Betreuers gering achten. Heißt, dort, wo wenig Zeit für den einzelnen Betreuten übrig bleibt, steigen die Kosten und die Zeit für das Abwenden irgendwelcher Regresse, was wiederum die Arbeitszeit für die übrigen Betreuten reduziert.

      Das ist kein Horrorszenario, sondern Alltag. Doch manche fühlen sich in dem Metier recht wohl und bekommen die Arbeit und den Stress und die Probleme gut in den Griff. Ich habe zuvor in der Immobilienbranche gearbeitet. Da ist der Stress nicht anders. Und auch die Pflegedienste haben ähnliche Probleme.

      Wer also Berufsbetreuer werden möchte, sollte sich im Klaren sein, dass der Anfang von mindestens einem Jahr recht beschwerlich und schlecht bezahlt ist. Ist man dann mit anderen Berufsbetreuern tätig, wird die Situation zwar finanziell besser. Bei 30 Betreuungen steigt das Salär auf über 5tsd € im Monat brutto, nach Abzug Steuer und Versicherungen bleiben 3-3,5tsd. Dafür muss aber eine solide Frustrationstoleranz bestehen. Hat man dann noch private Baustellen in der eigenen Familie, mit dem Partner oder den Kindern oder dgl., wirds kritisch, da die monatliche Arbeitzeit auf über 200 Stunden steigt, jedoch nur 135 Stunden (30 Betr. x 4 Std durchschnittl. x 4,5 Wochen im Monat) vergütet werden. Diese Diskranz gilt es zu leben.

      In diesem Sinne Bange machen gilt nicht. Dir gute Gespräche und hilfreiche Tipps und einen klaren Blick auf das, was du wirklich willst.
      Heinz
    • wie pack ich es - an?

      Hallo liebe Mitglieder,

      ich bin auch neu in diesem Forum und bevor ich einen völlig neuen Post mit dem gleichen Inhalt erstelle, wollte ich mich hier einklinken. @Tantow:Ich hoffe, dies ist in Ordnung.

      Mich interessiert es auch sehr, wie schwer oder wie leicht ein Einstieg in die Welt des beruflichen Betreuers ist.

      Ich habe eine kaufmännische Ausbildung absolviert und im Anschluss daran Bachelor und Master im Fach Wirtschaftsrecht. D.h., ich habe umfassende juristische Kenntnisse. Ich hoffe, dass diese qualifizierend sind?

      Ich wollte jetzt gerne noch bei der Beck Akademie eine Fortbildung zum beruflichen Betreuer machen. Der Kurs gefiel mir ganz gut und dauert 9 Monate. Hat jemand damit Erfahrungen? Bzw. kann mir jemand sagen, ob ich nach diesem Kurs hinreichend qualifiziert sein werde? Ich möchte auch keine bösen Überraschungen erleben.

      @Heinz: Du sagtest, dass es schwer sein wird, sich zu etablieren. Ich möchte diesen Aspekt nicht vernachlässigen, aber alles hat doch immer negative Seiten und man kriegt nichts geschenkt. Kann jemand mal schildern, wie so ein Werdegang beginnt? Ich hätte gerne genauere Vorstellungen von den Abläufen.

      Vielen lieben Dank für eure Zeit!

      Grüße aus Südeutschland