Was kann ich für meine Bewohnerin tun?

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    • Was kann ich für meine Bewohnerin tun?

      Hallo,

      Ich arbeite in einem Pflegeheim mit dementen Bewohnern und habe mit einer absolut unfähigen Betreuerin zu kämpfen. Bitte helft mir!
      Eine Bewohnerin von mir ist 80 Jahre alt, bettlägerig (wird nur in den Rollstuhl mobilisiert) und isst sehr schlecht. Allerdings hält sie ihr Gewicht um die 40kg. Bei ihrem Einzug vor ca. einem Jahr hat sie sogar weniger gewogen und in ihrer Biographie steht, dass sie schon immer einen niedrigen BMI hatte. Das Ziel in unserer Pflegeplanung ist, das Gewicht um die 40kg zu halten.
      Nun kommt eine unfähige Kollegin (inzwischen arbeitet sie nicht mehr bei uns) und informiert die Betreuerin darüber und drängt diese quasi, endlich was zu tun. Nun hätte die Betreuerin sagen können, dass keine Schritte notwendig sind, ich habe ja gerade erklärt, warum. Nun bringt die Betreuerin das Thema PEG ins Spiel. Die Bewohnerin äußert immer wieder, dass sie sterben möchte! Müsste die Betreuerin nicht im Sinne der Bewohnerin entscheiden?? Nein, sie setzt sich mit dem Sohn auseinander. Dieser lebt in Polen! Und er möchte unbedingt, dass seine Mutter eine PEG bekommt. Die Betreuerin sagte zur mir : "Ich muss mich nach dem Sohn richten. Und wenn ich eine PEG ablehne, ist das aktive Sterbehilfe!" HÄ??? Aktive Sterbehilfe ist Knüppel aufn Kopp, oder nicht?! Außerdem sagte sie zu mir, dass die Bewohnerin ja sowieso dement ist und gar nicht mehr weiß, was sie will. Und zu der Betreuerin hat sie schließlich noch nie gesagt, dass sie sterben will. Es steht aber wiederholt in unserem Pflegebericht, dass sie sich den Tod wünscht!
      Hilfe, bitte! Diese Dame möchte sterben! Falls sie die PEG bekommt, zieht sie sich die raus. Um das zu verhindern wird sie dann fixiert und medikamentös ruhig gestellt. Super Entscheidung!
      Könnt ihr mir eventuell weiterhelfen und ein paar Paragraphen vorbringen, die ich vorlegen kann??

      Vielen Dank!
      Eure herzdame
    • "Eingriff in Integritaet"

      Hallo Herzdame,

      hat die aeltere Dame eine Patientenverfuegung? Das waere natuerlich am Besten. Und vielleicht hilft das hier weiter:


      BGH, Beschluss vom 8. 6. 2005 - XII ZR 177/ 03:



      "Die mit Hilfe einer Magensonde durchgeführte künstliche Ernährung ist
      ein Eingriff in die körperliche Integrität, der deshalb der Einwilligung des Patienten bedarf (vgl. Senatsbeschluß BGHZ 154, 205 = FamRZ 2003, 748, 750).



      Eine gegen den erklärten Willen des Patienten durchgeführte künstliche
      Ernährung ist folglich eine rechtswidrige Handlung, deren Unterlassung
      der Patient analog § 1004 Abs. 1 Satz 2 in Verbindung mit § 823 Abs. 1
      BGB verlangen kann. Dies gilt auch dann, wenn die begehrte Unterlassung -
      wie hier - zum Tode des Patienten führen würde. Das Recht des Patienten
      zur Bestimmung über seinen Körper macht Zwangsbehandlungen, auch wenn
      sie lebenserhaltend wirken, unzulässig (Senatsbeschluß aaO 751)."


      Aus: juraforum.de/forum/t/genehmigu…ung-von-peg-sonde.201725/

      Gruss, Leviathan
    • hallo allseits,

      danke für den Dialog, ich freu mich über den Austausch, wenngleich das Thema und der Anlass eher unerfreulich ist.

      Es stimmt zwar, dass das Gericht immer Recht hat, aber nicht immer ist das Gericht oder die Gerichte und deren Rechtsprechung ansich und für sich verständlich. Mancher Examenskandidat ist schon daran gescheitert.

      Als erstes - aktive Sterbehilfe ist tabu und verboten. Aktiv bedeutet, erstechen, erschlagen oder mittels Medikamenten unmittelbar den Tod herbeiführen. Nicht strafbar und diskutabel ist die passive Sterbehilfe, wenn gewünscht, wobei die Tatbestände Tötung auf Verlangen und Unterlassene Hilfeleistung, wie aber auch der straflose Suizid separat zu prüfen sind. Passiv bedeutet, dem natürlichen Lebensende, dem Sterben nicht im Weg zu stehen und einen würdevolles Sterben zuzulassen. Das kann in einer Patientenverfügung niedergeschrieben werden.

      Ebensfalls straflos ist die indirekte Sterbehilfe im Rahmen der Palleativmedizin, also das Mindern von Schmerzen durch Opiate, die ebenfalls zum vorzeitigen Lebensende führen, aber nicht den unmittelbaren Tod bezwecken, sondern die Schmerzlinderung. Das vorzeitige Versterben ist unvermeidbar und muss hinsichtlich der vorangig bezweckten Behandlung hingenommen werden.

      Unabhängig solcher juristischen Raffinessen stellt sich die Frage, welche Bedeutung hat der erklärte Wunsch der Patienten-Bewohnerin und welche Möglichkeiten bzw. welche Pflichten zwangsweiser Behandlung bestehen. Diese Pflichten ergeben sich aus einem ganz anderen Kontext, nämlich dem Arbeitsrecht bzw. der Reputanz des Heimes. Kein Heim kann sich im Wettbewerb mit anderen Heimen leisten, Menschen sterben zu lassen, selbst wenn sie es ausdrücklich wünschen. Angestellte Pflegerinnen haben sich den Anweisungen der Heimleitung und Pflegeleitung zu fügen, selbst wenn sie vor Mitgefühl mit dem Sterbewilligen selbst große Gewissensbisse haben.

      Schließlich gilt weiterin eine Entscheidung des BGH, des Bundesgerichtshofs Anfang der 80er, die weiterhin gültig ist, wenn nämlich der Wille nicht manifestiert (per Patientenverfügung) wurde und der mutmaßliche Wille nicht feststellbar ist, gelten alllgemeingültige Wertmaßstäbe, die da sind, dass alles Erdenkliche und Mögliche getan werden muss, um Leben zu erhalten, also auch die Reanimation eines an Alzheimer Verstorbenen oder die Amputation der Beine, um den Kreislauf auch nur für kurze Zeit zu stabilisieren. Weitere Auskünfte zu solchen Szenarien erteilt gerne die Geselllschaft für Humanes Leben und Sterben, dem ich seit Jahren angehöre.

      Doch zurück zum konkreten Fall : der Wunsch der Patienten alleine ist nicht entscheidend. Entscheidend ist hier im Rahmen des Betreuungsverfahrens die Entscheidung der Betreuerin und des Gerichts und zwar mit Rücksprache mit den Angehörigen, hier dem Sohn, egal wo er wohnt und wie eng der Kontakt zur Mutter war oder ist. Die Frage ist als erstes, ist die Bewohnerin noch im Vollbesitzt ihrer geistigen Kräfte, also voll geschäftsfähig und kann ihr Wille und ihre Erklärung erst genommen werden oder ist sie möglicherweise psychisch instabil mit beginnender Depression oder dgl. Sollte die Betreuerin entscheiden wollen, dass dem erklärten Willen der Betreuten nachzukommen sei, hat sie ihre Entscheidung mit dem behandelnden Arzt und dem Pflegepersonal zu überdenken. Sollten alle Beteiligten ebenfalls der Ansicht sein, dass das Sterben unmittelbar gegonnen hat und eine PEG den Tod nur unverhältnismäßig und unangemessen verzögern würde, kann die Betreuerin die künstliche Ernährung untersagen. Diese Entscheidung ist zwar auch ohne gerichtliches Einverständnis gültig, da alleine der Betreuer verantwortlich ist, muss und sollte das Gericht um deren Einverständnis ersuchen. Sollte das Gericht der der Entscheidung des Betreuers nicht zustimmen und der Betreuer setzt sich über die Anweisung des Gerichts hinweg, kann ihm die Betreuung sofort und dann auch andere Betreuungen entzogen werden. Das Gericht kann dann einen Ersatz- oder Ergänzungsbetreuer einsetzen.

      Es gibt nun verschiedene Alternativen zu bedenken. Irrelevant ist der Wunsch der Betreuten, sofern sich der Sohn, die Betreuerin, Arzt und Pflegepersonal dagegen aussprechen, dem Wunsch der Betreuten nachzukommen. Dann wird auch nicht das Betreuungsgericht kontaktiert. Anders würde es sich verhalten, wenn der Sohn auf eine lebensverlängernde Maßnahme wie die künstliche Ernährung bestehen würde, sich aber die übrigen Beteiligten für einen würdevolles Sterben der Patientin aussprechen würden. Dann entscheidet das Betreuungsgericht und zwar nach Anhörung des behandelnden Arztes. Als Schöffe beim Sozialgericht erlebe ich es immer wieder, dass Gerichte und Kammern ihre Entscheidung ausschließlich von der ärztlichen Empfehlung abhängig machen. Und obwohl der Betreuer eigentlich das Sagen und die Entscheidungskompetenz vorort hat, ist dann letztlich doch der Arzt derjenige, der über das Weiterleben müssen oder das Sterben dürfen entscheidet.

      In diesem Sinn kann ich die Verhaltensweise und Entscheidung der Betreuerin nur völlig bestätigen. Ich hätte wohl ebenso gehandelt.
      Auch wenn das Gefühl etwas anderes wünscht. Aber so ist unsere Rechtsordnung.
      Heinz