Trauma

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    • Es gibt noch ein Thema, das mich derzeit umtreibt - traumatische Störungen. Manch einer oder eine hat sicherlich schon von posttraumatischen Belastungsstörungen gehört oder gelesen de.wikipedia.org/wiki/Posttraumatische_Belastungsstörung

      Aber die meine ich gar nicht, also nicht die der Soldaten aus Afghanistan oder Sudan oder dgl. Manch eine Traumatisierung entsteht auch bei großen Unglücken, wir erinnern uns des Bahnunglücks von Enschede, das schon 16 Jahre her ist de.wikipedia.org/wiki/ICE-Unfall_von_Eschede oder ähnliche persönliche Unglücke wie Wohnungsbrand oder Überfall oder Schlägerei oder auch ganz private Traumatisierungen. Manch einer oder eine denkt nun an Missbrauch, spez. sexuellem. Zweifelsfrei sind das Anlässe und Auslöser für Trauma.

      Aber da gibt es dann auch Abstufungen. Für manchen sind Schläge traumatisierend, für andere nicht. Ich habe zu meiner Schulzeit auch noch mit dem Stock gekriegt. Das war ein dünner Rohrstock und die Schläge gingen auf die ausgestreckten Hände. Ich selbst hab das nicht als schlimm empfunden und die mit mir im Silentium waren wohl auch nicht. Wir haben uns oftmals darüber lustig gemacht. Auch das Hänseln auf dem Schulhof war mit heutigem Mobbing wohl nicht zu vergleichen. Und wenn wir zuhause paar gekriegt haben, was heute schon Misshandlung wäre, so war es nicht für alle traumatisierend. Wie kommt das? Es gibt Menschen, die können mit schrecklichen Nachrichten und Erlebnissen wieauch Verlust und Trauer besser oder leichter umgehen als andere. Ein traumatisches Erleben ist so subjektiv und individuell wie das Schmerzempfinden schlechthin. Manche können Schmerzen nahezu ignorieren, wo andere schon hochdosierte Schmerzmittel nehmen. Und manche haben derartige Erlebnisse, Schmerz, Wut, Trauer, Angst, was sie traumatisiert hat, verdrängt. Sie wissen gar nicht, was das mit ihnen und in ihrem Unterbewusstsein ausgelöst hat. Und manchmal klappen sie einfach scheinbar grundlos zusammen oder werden plötzlich körperlich krank und können sich das gar nicht erklären. Eine Bekannte verlor ihre Stimme und konnte kaum mehr sprechen, weil das, was sie zu sagen hatte, für sie so schlimm war, dass sie sprachlos wurde.

      Das Thema ist sehr komplex. Es gibt ganz unterschiedliche Erscheinungsformen, so unterschiedlich die Menschen eben Individuen sind. Um so problematischer wird natürlich die Beurteilung. Niemand kann sich wirklich in die Haut und Seele des anderen hineinversetzen. Wo der eine nahezu ein zum Leben gehörendes Erlebnis erkennt wie der Tod der Eltern, ist es für jemand anderes der Zusammenbruch einer Welt, als wenn das eigene Kind oder der Partner verstorben wäre. Oder die wiederholte Arbeitlosigkeit und das Gefühl nicht gebraucht zu werden und nichts mehr wert zu sein, kann für manchen traumastisch sein.

      Ich finde, wir sollten vorsichtiger und umsichtiger miteinander umgehen. Niemand kennt den anderen ob Partner oder Kind oder Eltern oder Freund oder Nachbarn oder Kollegen oder sonstigen so gut, dass man völlig ausschließen kann, der oder die andere sei noch nie verzweifelt gewesen. Mancher tut gerade so, als wäre er oder auch sie stark und nichts könne sie umhauen. Es kann durchaus sein, dass dieses Verhalten nicht weiter ist, als das Überspielen eben eines solchen Erlebnisses, völlig hilflos gewesen zu sein. Und wer will sich oder anderen eingestehen, schwach oder feige oder unwissend oder sonstwie gewesen zu sein und sich dessen schämt?

      Ich vermute, dass jeder und jede von uns schon solche Situationen im Leben gehabt hat. Es ist ein großes Geschenk und ein persönlicher Reichtum, wer es für sich klar und sich bewusst gemacht, vielleicht sogar verarbeitet hat. Ich wünsche es einem und einer jeden von uns.
      Heinz



    • Moin Heinz,

      bin lange nicht mehr hier gewesen. Die Arbeit und auch Privates. Hier hat sich einiges getan. Das mit den traumatischen Störungen beschäftigt mich derzeit auch. Mich würds nicht wundern, wenn alle meine Klienten und vermutlich andere Betreute nicht minder irgendwie derart gestört sind. Und das stört mich an den dem Thema, es lässt sich nicht richtig gegrenzen. Wenn ne Alkoholikerin im Delir war - ist das für sich traumatisch? Vermutlich doch. Und manche saufen trotzdem weiter. Ein anderer hat seine Wohnung abgefackelt und sich beinahe selbst und raucht weiter, als wär nichts gewesen.
      Ich verstehe, dass jeder individuell empfindet und Geschehnisse verarbeitet. Und Fachleute schauen drauf, wie groß der Leidensdruck ist und was man machen kann, wenn derjenige es denn will. Aber viele wollen gar nicht, mein ich zumindest, oder können nicht wollen, selbst wenn sie wollten, also stehen sich selbst im Weg. Und nu? Was nützt es mir zu wissen, ob nun einer meiner Klienten so oder so traumatisiert ist. Letztlich doch egal, oder? Abgesehen davon, dass ich eh nicht mehr viel Zeit habe, diejenigen mal mehr mal weniger aus den Ordnerdeckeln schauen zu lassen und praktisch nicht viel anderes mache, als die bei Gericht. Bei manchem Gutachten denke ich dann auch, dumm gelaufen. Also ist doch all dieses Traumagerede doch eher was für Therapeuten oder so und nicht für uns Betreuer, oder?

      Gruß Kalle
    • hallo Kalle,

      schön von dir wieder zu lesen. Ja die Zahl der Mitglieder steigt stetig.

      Das Thema ist recht komplex. Ich habe letztens einen netten Spruch gehört, der den Zugang erheblich vereinfacht: Diagnose dient der Therapie. Soll heißen, wenn Therapiebedarf und -willigkeit besteht, sich helfen zu lassen, ist es unerlässlich, dass die Fachleute wissen, womit sie es zutun haben und was sie zu beachten haben.

      Für die anderen ist es eigentlich egal, wie das Kind heißt. Ich denke, mit dem Handwerkszeug von Rogers oder von Thun kommt man schon recht weit, also Authenzität, Kongruenz und Empathie. Bei der Kongruenz steckt natürlich die Selbstreflexion drin, was macht es mit mir, was fühle ich, was bewegt mich, was sind die Impulse, wovor schrecke ich zurück, wo will ich spontan einspringen und weshalb. Das andere ist natürlich der Auftrag. Als Berufsbetreuer hast du nicht den Auftrag zu beraten und schon gar nicht zu therapieren. Da geht es vorrangig um Feststellung des Bedarfs und des Outsourcing, also andere Dienstleistungen irgendwie zu beauftragen, Pflegedienste oder sonstige Versorgung.

      Und wenn die, oftmals auch geschult, feststellen, da müsste noch was getan werden, wäre dann der Psychiater/ Neurologe gefragt mit der Empfehlung/Überweisung zum Therapeuten oder so. Aber das kennst du ja.

      Wir in der Jugend- und Familienhilfe haben natürlich einen anderen Auftrag. Aber auch der ist begrenzt. Da ist es gut zu wissen, wie manche Zusammenhänge sind, weil dann doch hier und da ein Beratungsgespräch, Familienkonferenz oder dgl. geführt wird. Ich habe die Erfahrung gemacht, es ist recht nützlich, die Zusammenhänge zu kennen. Hilfe einem selbst auch insb, auch manchmal im Privaten.

      In diesem Sinne viel Erfolg weiterhin
      Heinz




    • hallo ihr beiden,

      wir haben bereits manches Kind mit dem wir arbeiten und erleben deren Eltern oder auch Großeltern oder sonstige Verwandte, die mit Erlaubnis der Sorgeberechtigten die Kinder abholen, dass dort bereits Traumatisierungen stattgefunden haben müssen. Zum Glück ist die Zahl derer mit dubiosen blauen Flecken oder sonstigen Anzeigen von Gewalt oder Vernachlässigung relativ selten, aber im Kollegium haben wir immer wieder Diskussionen, was wir wahrnehmen und welche Vermutungen wir haben und wie wir damit umgehen. Es ist sehr schwer den Moment zu erkennen, wo das sog. Maß erreicht ist und wir es melden müssen. Oftmals hat sich eine Situation nach kurzer Zeit entspannt und wir arbeiten normal weiter. Was aber die Kinder behalten und was sie sonst noch erleben und welche Folgen das haben wird, bleibt uns oft verborgen. Und ich muss sagen, zum Glück. Mehr möchte ich manchmal auch gar nicht wissen.

      Ein echt heikles Thema. Eure Mairin