selbst betroffen

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • selbst betroffen

      hallo,

      mal wieder ein Gedanke von mir. Stieß mir gestern Abend auf, als ich mit meinem Trainer sprach. Er und seine Familie war mit seiner Mutter unterwegs. Wir tauschten uns unsere Erlebnisse mit unseren Müttern aus, beide über 70. Uns viel auf, wie ähnlich doch die Verhaltensweisen sind. Ich dachte so darüber nach, dass wir, also mein Trainer und ich beide bereits über 50 in den Augen unserer Mütter weiterhin ihre Jungs sind und sie sich ähnlich verhalten, als wären wir noch keine 20. Es ist schon eigenartig. Da bekommen die Mütter mit - beide sich noch recht rüstig und geistig fit -, dass ihre Jungs viele Jahre im Beruf stehen, eigene Familien haben, sie selbst bereits zu den Senioren und Rentnerinnen gehören und sind doch noch in der Denke verhaftet, ihren Söhnen sagen zu müssen, wann sie aufstehen und worum sich sich kümmern sollen. Es ist gerade so, als wenn sie sich von ihrer Mutterrolle noch nicht gelöst haben.

      Bei meinem Trainer kommt noch dazu, dass seine Tochter mitfuhr. Da könnte man doch annehmen, die Oma schwenkt in ihrer Fürsorge und Erziehung von ihrem Sohn auf das Enkelkind, aber nein. Sicherlich passiert das nur allzu oft und oft versuchen dann die Großeltern bei den Enkeln noch was nachzuholen, von dem sie meinen, bei den eigenen Kindern vergessen zu haben oder aber es nicht 'geschafft' zu haben, also beim Enkel die zweite Chance erblicken, es nochmal zu versuchen.

      Ich erinnere mich noch, wie mein Vater seine Mutter der Wohnung verwies, weil sie ihm vorschreiben wollte, wie er mich zu erziehen hat und welche Konsequenz auf mein 'ungehorsames' Verhalten angemessen wäre oder nicht. Und da sind wir dann mittendrin in einer ganz verfänglichen Beziehungskiste, einem Dreiecksverhältnis zwischen den Großeltern zu den eigenen KIndern, der Großekltern zu den Enkeln und das Verhältnis der Sandwich Generation zu den eigenen Kindern. Und schließlich das Ganze rückwärts also das Verhältnis der Enkel zu Eltern und Großeltern. Es ist ansich ein geschlossenes System, es sei denn wir haben da noch Brüche drin von wegen geschiedener Eltern oder Großeltern und neue Partner mit möglicherweise eigenen Kindern, also Patschwork möglicherweise nicht nur bei der Sandwich Generation, sondern schon bei den Großeltern. Aber dies würde die Betrachtung recht verkomplizieren. Mir geht es eigentlich um die einfache Form von innerfamiliären Beziehungen. Es ist recht interessant und sehr aufschlussreich, wer was von wem erwartet. Also die Enkel erwarten natürlich von den Großeltern, von denen verwöhnt zu werden und hier was zugesteckt zu bekommen oder mit Schnuckereien beschenkt zu werden. Die Eltern schauen für gewöhnlich, dass z.B. Süßkram nicht überhand nimmt. Die Großeltern beobachten und bewerten natürlich die Erziehung ihrer KInder mit den Enkeln und überdenken möglicherweise, wie sie es vor einigen Jahrzehnten gehandhabt haben oder eben auch nicht. Und oftmals kommt es an dieser Stelle zu Reibungsverlusten: Je nachdem wie die Eltern mit ihren Kindern umgehen, geben sie weiter, was sie selbst von ihren Eltern gelernt haben. Wenn die das immer noch gutheißen fühlen sie sich bestätigt. Haben sie aber inzwischen ihre Haltung geändert und würde es heute gerne anders machen oder im Nachhinein korrigieren, müssen sich ihre Kinder rechtfertigen.

      Wer es sich bewusst macht und miteinander darüber redet, ist fein raus. Doch nur wenige bekommen die Zusammenhänge bewusst mit. Vieles läuft unbewusst ab und entweder versteht man seine Eltern nicht mehr oder meint, die seien verschroben, altersstarrsinning oder sonstiges. Und die Großeltern finden ihre Kinder möglicherweise undankbar oder zu streng oder zu lax in der Erziehung ihrer Enkel. Das ist schade. Doch wer nicht gelernt hat, über die eigenen Gefühle nachzudenken und sie zu benennen und nach den Gründen zu schauen und mit den anderen darüber zu reden, wird es im Alter um so schwerer haben. Ich kenne Familien, die über diese Sprachlosigkeit und einer Reihe von Missverständnissen und Verletzungen zerbrochen sind bishin die Großeltern sich beschweren und stink sauer sind, ihre Enkel nicht mehr zu sehen. Und die Enkel bedauern, keine Großeltern zu haben, obwohl sie noch irgendwo leben, wohlmöglich noch in derselben Stadt oder Umgebung.

      Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, wie hilfreich und beglückend es ist, in einem solchen Fall fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wegen Zahnschmerzen geht man selbstverständlich zum Zahnarzt. Kann man nicht mehr richtig sehen zum Optiker. Nur wenn die Kommunikation gestört ist, da glauben viele an Schicksal und Glück oder Pech oder höhere Gewalt, statt sich selbst drum zu kümmern. Und es gibt vielerlei Hilfen. Und das hat nicht mit Therapie oder Verrücktsein zutun. Es geht schlicht um eine Form des Umgangs miteinander, der erlernbar ist. Und dafür gibt es 'Lehrer' also Berater. In diesem Sinn wünsch ich jedem und jeder, deren Beziehungen und Kommunikation zu anderen gestört ist, sich fachkundige Hilfe zu holen.

      In diesem Sinn einen frohen und zuversichtlichen Tanz in den Mai. Heinz
    • Mein Namensmonat ist nicht gerade sonnig. Hallo Heinz,

      deine Worte haben mich berührt. Es ist so. Ich erlebe es auch so mit meiner Mutter und ihrem Enkel, meinem Neffen. Ich bin da etwas außen vor, kann mich mit der Rolle Kind noch ganz gut arrangieren, auch wenn es meinen Mann manchmal annervt. Ist ja auch immer nur für paar Stunden. Und dann sind wir wieder weg oder wenn ich mit meiner Mutter telefoniere, gehe ich dann aus dem Zimmer. Geht schon. Ich hab lange gebraucht, mich zu entscheiden, wie ich reagieren will. Anfangs habe ich mich heftig gewehrt. Aber das hat letztlich nicht viel gebracht, außer dass sie verletzt war und es mir leid tat. Sie ist auch schon über 70. Ist das so eine magische Altersgrenze, wo sich nicht mehr viel tut? Vermutlich. Ich denke, wer weiß will lange sie mir noch bleibt. Und sich deshalb zoffen? Manchmal ärgert es mich, dass sich so unlogisch ist. Da kann sie plötzlich für andere, was ich mir die ganze Zeit schon wünsche, um das ich sie auch gebeten haben. Aber nein, bei mir kann sie es nicht oder will nicht. Bei anderen ist es für sie kein Problem. Als wenn sie es darauf anlegt, weil ich ihre Tochter bin es zu zeigen. Aber was solls. Wozu hat man Freunde. Da rede ich es mir von der Seele und gut ist bis zum nächsten Mal.

      Mairin
    • Hallo Mairin,

      schon wieder von dir zu lesen. ja, der Mai hat noch Gelegenheit, sein sonniges Gesicht zu zeigen. Am Wochenende solls schon besser werden.

      Das Thema der Generationen und der Wiederholung von Strukturen ist sehr interessant, aber eben auch manchmal schmerzlich, da man und frau ja irgendwie immer selbst betroffen ist, selbst dann, wenn die Beziehung offensichtlich beendet ist, was ist sie faktisch ja nicht ist, selbst wenn kein Kontakt besteht, ist es eine Beziehung, eben eine abgebrochene mit allem Frust und Traurigkeit oder auch Wut oder Sonstigem.

      Aber eben das bietet Chancen wie auch Gefahren. Einerseits können wir uns in andere leicht hinein versetzen, denen es ähnlich ergeht oder ergangen ist andererseits besteht die Gefahr der Übertragung, nach dem Motto, kenn ich, ist mir so und so passiert, muss man nur so oder anders reagieren. Aber leider oder glücklicherweise sind Beziehungen nicht linear und logisch. Was bei dem einem passt, wird aller Wahrscheinlichkeit beim andern oder bei der anderen nicht passen. Und dann ist die eigene Erfahrung sogar hinderlich bei der Lösungssuche. Ich erlebe es immer wieder bei der Frage, haben sie Kinder? Als wenn die eigenen Erfahrungen mit eigenen Kindern eine eigene Fachkompetenz wäre. Und umgekehrt, wer keine Kinder hat, hat eigentlich keine Ahnung. Andererseits erlebe ich es, dass die, die Kinder haben, sich mit den anderen beruflichen Klientel an Kindern schwertun, eben weil sie vergleichen - beim eigenen Kind hats geklappt oder auch nicht, weshalb soll es dann nicht auch bei anderen klappen?

      Es ist gut und hilfreich, sich eben diese Zusammenhänge bewusst zu machen und dem entsprechend zu agieren. Wird dir in deiner beruflichen Tätigkeit nicht anders ergehen, nicht?

      Besten Gruß Heinz