Betreuer überflüssig?

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    • Betreuer überflüssig?

      Hallo allerseits.

      Ich hoffe, dass ich mit meinem Anliegen hier richtig bin.
      Es ist ein wenig komplizierter und auch verwogen...

      Es geht um eine ältere Dame, 90+ Jahre alt. Verwitwet, 4 Kinder.
      Bis auf Arthrose in den Beinen ist die Dame noch angesichts des Alters sehr fit. Sie wusch sich selbst, bekochte sich, reinigte ihre Wohnung grundlegend. Einkäufe, Bankgeschäfte und erweiterte Wohnungsreinigung usw. - alles, was sie nicht mehr selbst konnte, übernahmen ihre Tochter bzw. Ihre Enkelin, stets zu ihrer zufriedenheit.

      Mit Ihrem ältesten Sohn und deren Familie, die im gleichen Haus wohnt, möchte sie nichts zu tun haben. Ebenso besteht kein Kontakt zum jüngsten Sohn, nur zum mittleren und ihrer Tochter.

      Stetige Streitereien mit der Familie des Sohnes sind an der Tagesordnung. In der Vergangenheit waren immer wieder zermürbende Kleinigkeiten wie das Stundenweise ausschalten der Heizung, sporadisches Stromabschalten an der Tagesordnung.

      Bereits mehrfach wurde die Dame auch bewusst auf dem Grundstück eingeschlossen, so dass ein Verlassen des Grundstückes für sie oder Besuch durch das Tor nicht möglich war. Einen Schlüssel dazu besitzt sie nicht. Es musste also die Polizei bereits gerufen werden, da der Sohn freiwillig nicht wieder aufschloss. Erst vergangenen Montag geschah dies erneut, er bedrohte an jenem Abend sogar seine Schwester u. Mutter mit deren Gehstock, im Besein eines 14jährigen Kindes. Die Situation konnte nur durch zwei erfahrene Beamte beruhigt werden, es ist hier jedoch ein Strafverfahren anhängig (Ermittlung von Amtswegen aufgrund der vorgefundenen Situation).
      Der Betreuer sagt, dass er mit der Situation/ dem Sohn der Betreuten überfordert sei.

      Anfang Januar stürzte sie in ihrer Wohnung, eine Abklärung durch Röntgen ergab nur Prellungen.
      Wenige Wochen später wurde sie, am späten nachmittag von ihrer Enkelin, deren Mann und Tochter gefunden, im Nachthemd auf dem Schlafzimmerboden im eigenen Urin sitzend, völligst unterkühlt und dehydriert. Der hinzugerufene Rettungsdienst untersuchte sie und entschloss sie ins nächste Krankenhaus einzuliefern.

      Dort verblieb sie 2.5Wochen. In der ersten Woche war der Zustand der Dame so schlecht, dass man davon ausgehen musste, dass sie Pflegebedürftig (Bettlägerig) bleibe würde. Da keine Vorsorgevollmacht vorlag, wurde das Vormundschaftsgericht informiert und ein gesetzlicher Betreuer u.a. für Aufenthaltsbestimmungsrecht, Gesundheitsfürsorge, Behördenvertretung, Finanzen etc. bestellt. Im Verlauf des Aufenthaltes jedoch besserte sich der Zustand soweit, dass sie eigentlich gerne direkt wieder nach Hause gegangen wäre.

      Der Betreuer lehnte dies jedoch ab, mit der Begründung dass die Wohnung derzeit noch nicht in einem Seniorengerechten Zustand wäre. Durch einen vor 35 Jahren erstellten Grundbucheintrag (Leibgeding) verpflichtete sich seinerzeit für die Übergabe des Hauses, der älteste Sohn dazu, im falle der Pflegebedürftigkeit notwendige Umbauten und Betreuung sicherzustellen. Der Betreuer der Dame leitete dies in die Wege. Der Sohn fügte sich, die Wohnung wurde umgebaut und die Dame ging vorübergehend zur Kurzzeitpflege in eine entsprechende Einrichtung. Notwendige Ober-Bekleidung wurde ihr erst nach mehrmaliger Aufforderung durch den Betreuer und das Pflegeheim gebracht.

      Seit wenigen Tagen ist sie wieder zuhause, geistig und körperlich fitter als noch vor einem Jahr.

      Gerne würde sie wieder so leben wie vorher, also selbstbestimmt. Selbst kochen, waschen, Haushaltsführung. Doch dass erlaubt man ihr nicht, sondern setzt ihr ihren Sohn vor. Ich versuche zwar hier Neutral zuschreiben, da ich nicht direkt damit konfrontiert bin, bin jedoch ebenso Angehörige und bekomme es ebenso alles detailiert mit.
      Die Dame nun also ruft regelmäßig bei meiner Familie an, 2-3 am Tag, um sich zu beklagen, dass sie keine Lebensmittel bekommt, oder der Fernseher etc. nicht funktioniert, sie gerne eingekauft haben möchte und sich selbst kochen möchte. Sie verlangt, dass ihre Enkelin (die bisher eine Bankvollmacht hatte), für sie zur Bank geht und Ihr Geld holt, damit sie einkaufen kann... Alles in allem ist Ihr Wunsch, dass sie wieder von Ihrer Tochter und Enkelin "versorgt" wird, wie bisher.

      Der Betreuer verhält sich allgemein sehr komisch, es erweckt den Eindruck, als ob er mehr dem Sohn zuarbeiten würde, als sich um die Belange seiner Mandantin zukümmern. So z.B. erteilt er Vormittags der Tochter u. Enkelin die Zuständigkeit für Einkauf, Wäsche, usw., dem Sohn sollte alleine die Aufsicht über das "Lebendig sein" obligen. Nachmittags dann nimmt der diesen Auftrag wieder zurück und überträgt ihn der Ehefrau des Sohnes...

      Was ich nun eigentlich gerne wissen möchte...
      Besteht die Möglichkeit, das Gericht um eine Nachbegutachtung zubitten? Aus Laiensicht und auch nach Gesprächen mit Examierten Fachkräften, Alltagsbetreuern und Geronto-Fachkräften in einer entsprechenden Einrichtung, sind die Medizinischen Diagnosen, auf die sich das Gericht stützt für das Alter normal und die Frau noch fit ihren Alltag soweit mit Unterstützung alleine zumeistern.

      Wer kann einem Angehörigen den in einer solchen Situation eindeutige und verlässliche Auskunft geben? Der Betreuer wie gesagt, ist nicht wirklich eine Hilfe...

      Herzlichen Dank!
    • hallo Aquaculinaris (was für ein interessantes alias!)

      vielen Dank für deinen (darf doch du sagen?) ausführlichen und detaillierten und übersichtlich strukturierten Bericht.

      Es scheint wirklich sehr vertuckt zu sein. Dabei muss ich dich vorab gleich enttäuschen von wegen eindeutiger und verlässlicher Antwort. Im wahrsten Sinn kann ich dir eindeutig und verlässlich sagen, dass die Lösung der Angelegenheit ganz bestimmt nicht einfach sein wird. Weshalb nicht? Nun, wir haben es hier mir einigen sehr unbestimmten Variablen zutun.

      Da ist zum einen die 90jährige Seniorin, die sicherlich im Augenblick im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist und noch vieles selbst machen oder arrangieren kann. Ich kann mir denken, was sie für einen Frust schiebt, nicht für voll genommen zu werden oder praktisch bevormundet zu werden und das wohl weniger vom Betreuer als vielmehr von ihrem Sohn, dass aber mit einer plötzlich erneuten Verschlechterung konkret zu rechnen ist.

      Also stellt sich als nächstes die Frage, will sie trotz aller Widrigkeiten in dem Haus wohnen bleiben also sich weiterhin dem Kleinkrieg aussetzen? Welche Alternative hätte sie? Wie ist die gesamtfamiliäre Situation? Wer ist weshalb verpflichtet, ihr zu helfen? Du deutest es an mit 'Leibgeding'. Der Begriff ist mir nicht geläufig, vermute aber einen Grundbucheintrag als beschränkt persönliche Dienstbarkeit oder wohlmöglich Wohnrecht. Es kann aber auch sein, dass erbrechtlich etwas vereinbart wurde im Hinblick von Pflegeleistungen oder dgl.

      Eine eindeutige Antwort kann schon deshalb nicht gegeben werden, da es zig Möglichkeiten, sowohl privatrechtlich wie aber auch sachenrechtlich (mit Eintragung im Grundbuch) getroffen wurden, die das Verhältnis zwischen Mutter und ihrem Kindern klären bzw. bestimmen.

      Neben dieser juristischen Perspektive gibt es aber noch eine ganz andere: systemische Beziehungsebene. Vieles lässt sich auch außerhalb des Juristischen klären, wenn die Kommunikation stimmt. Jetzt haben wir hier aber noch eine andere Baustelle nämlich die der gesetzlichen Betreuung. Wer sich allein diese genauer anschaut wird feststellen, dass der Betreuer, unabhängig seiner Aufgabe, nämlich sich um die Belange der Betreuten und zu deren Wohl sich zu kümmern, in einem eigenen System steckt, nämlich die der Rechtfertigung gegenüber dem Gericht und seiner Vergütung. Innerhalb des ersten Jahres reduziert sich die vergütungsfähige Zeit auf 4-5 Stunden im Monat. Wer kann in dieser Zeit noch effektive Erfolge erbringen? Das heißt, vom Betreuer, so befähigt und willig er auch sein mag, kann in dem Zeitraum von gut einer Stunde pro Woche realistischer Weise nicht viel erwartet werden. Der Grund ist die Politik.

      Nun kommt es zudem vor, dass aber Betreuer keine Juristen sind und die Zusammenhänge von Familien- und Unterhaltsrecht und Erbrecht und Betreuungsrecht nicht allesamt in den Blick bekommen. Und als Jurist weiß man: man kann gar nicht so dumm denken, wie es kommen kann. Ein kleines unscheinbares Detaile und die zu beurteilende Sachlage ist eine völlig andere und erst Recht das juristische Ergebnis. Zudem kommt hinzu, wie bekannt 4 Juristen schon mal 5 Meinungen haben können. Also auch bei der juristischen Beurteilung der Sachlage bleibt eine Eindeutigkeit und Verlässlichkeit auf der Strecke.

      Erst Recht kennen manche Betreuer auch die Möglichkeiten wie aber auch die Erfordernisse für systemische Beziehungsarbeit nicht, brauchen sie auch nicht, wäre aber oftmals mehr als nützlich, sondern nach meinen Erfahrungen, wesentlich effektiver als allein die juristische Betrachtungsweise.

      Also stellt sich die Frage, wer kann mit wem und mit wem nicht und weshalb nicht. Das ist noch kein therapeutischer Ansatz, zumal hier dieser Weg aus vielen Gründen ausgeschlossen werden kann. Für die Lösungsfindung ist ein Blick ins Familiensystem sehr hilfreich und nützlich. Da haben wir 3 Söhne und eine Tochter und die Mutter kann es mit dem Mittleren und der Tochter. Wie stehen die Kinder zu einander? Es ist natürlich naheliegend, dass ein Betreuer sich um solche innerfamiliäre Zusammenhänge keinen Kopf machen kann, bei ca. 5 Stunden die vergütet weren, selbst wenn er es könnte.

      Also bleibt festzustellen, die Situation ist mehr als vertrackt. Die Mutter will in dem Haus wohnen bleiben, wo sie mehr oder weniger gemobbt wird. Der Sohn und Vermieter und wohl auch Erbe des Hauses wartet im Grunde auf ihren letzten Tag, andem er und seine Familie dann das ganze Haus nutzen kann. Er kann zu einem bestimmten Verhalten nur genötigt werden durch die Polizei oder in Aussichtstellen von Sanktionen. Die wiederum werden das Verhältnis zu seiner Mutter, egal ob sie selbst die Repressalien initiiert oder andere, nur noch verschlechtern. Es ist ein Kleinkrieg der Nadelstiche. Es lebe die Gehässigkeit und Niedertracht und die anderen Kinder stehen daneben und schütteln nur den Kopf, aber haben wohl selbst kaum Möglichkeiten, einzugreifen oder die Situation zu gestalten.

      Juristisch, also bis auf das Strafverfahren, kann die Situation nicht verändert werden. Und das Betreuungsgericht hat wahrlich anderes zutun, als sich um solche innerfamilären Streiterein zu kümmern. Letztlich hilft wohlmöglich ein vertrauensvolles Gespräch in entspannter Atmosphäre mit der Mutter, um ihr ihre Situation vor Augen zu führen, was sie sich wirklich auf ihre letzten Tage und Jahre wünscht und ob sie so, wie es ist, sich ihrem Wunsch nicht erheblich entfernt. Ist also die Frage, ob ein Heimaufenthalt oder anderweitig betreutes Wohnen für sie eine Alternative wäre. Um die Finanzierung braucht sie sich wohl nicht zu kümmern, ihre Kinder um so mehr. Die werden wohl unterhaltspflichtig werden und müssen sich miteinander arrangieren, wer die Unterkunfts- und Verpflegungskosten aufbringt. Und da kann dann das 'Leibgeding' materialisiert also als Umstand der Kostenübernahme betrachtet werden, was dem Sohn und seiner Familie ganz bestimmt nicht schmecken wird. Aber vielleicht wäre schon ein Inaussichtstellen eben einer solcher Möglichkeit ein Ansatz, dass er sein Verhalten gegenüber seiner Mutter korrigiert? Wer weiß.

      In diesem Sinn ein behutsames und erfolgreiches Unterfangen.
      Mit bestem Gruß
      Heinz



    • Lieber Heinz,

      danke für deinen Informativen Beitrag, dass verwendete Du ist vollkommen in Ordnung.
      Ich werde dir morgen ausführlich auf deine Rückfragen im Beitrag Antworten, habe leider erst jetzt gesehen, dass ich eine Antwort erhielt, aber angesichts der späten Stunde nicht mehr ausführlich antworten.
      Ich denke, du verstehst dass sicher.

      AquaCulinaris (der Alias lachte mich von einer Mineralwasserflasche herunter an... :))