ist eine Betreuung nötig und wie ist das Verhältnis zum Betreuer

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    • ist eine Betreuung nötig und wie ist das Verhältnis zum Betreuer

      hallo Interessierter,

      ich verstehe dich so, dass du mit dir noch nicht ganz einig bist, ob du einer Betreuung zustimmen sollst oder nicht. Ich vermute aber, dass du schon deine Probleme siehst und meinst, dass dir geholfen werden sollte. Du hast wohl aber Bedenken, wie dann das Verhältnis zwischen Betreuer oder Betreuerin zu dir sich entwickelt. Deine Befürchtung ist, dass du dann wie von Eltern bevormundet würdest, richtig?

      Nun, oftmals sieht die Realität anders als, als es im Gesetz steht bzw. von den Vätern und Müttern des Betreuungsrechts ursprünglich also 1991 angedacht und beabsichtigt war. Wird die Notwendigkeit einer Betreuung durch Gutachten oder Attest festgestellt, äußert sich der Psychiater oder anderer Arzt auch zu der Frage, ob du geschäftsfähig bist. Ohne eine gesonderte Empfehlung des Arztes zur Geschäftsunfähigkeit - und die MUSS gesondert festgestellt werden, bleibst du als Erwachsener auch mit der Betreuung voll geschäftsfähig. Heißt, du kannst weiterhin eigenständig am Rechtsverkehr teilnehmen, Anträge stellen, Einkäufe tätigen, Waren bestellen, Verträge kündigen und dgl. Dein Betreuer hat aber dann kaum (bis auf wenige Ausnahmen) die Möglichkeit, diese Verträge oder Willenserklärungen unwirksam werden zu lassen, da es ja nicht auf sein oder ihr Einverständnis ankommt. Anders eben bei Geschäftsunfähigkeit. Da sind die Verträge schwebend unwirksam und ohne Einwilligung bleiben sie es auch.

      Im Gesetz steht zwar, dass die Betreuung mit dir als Betreutem zu führen ist, aber die Realität sieht etwas anders aus. Ein beruflicher Betreuer hat nur ein begrenztes Zeitbudget, das ihm oder ihr für die Arbeit vergütet wird. Also muss die Arbeit sehr effizient gestaltet werden. Das bedeutet, Mail, Faxe, Telefonate. Also viel Arbeit vom Schreibtisch aus. Die Kontakte sind dann rar und oft hast du dich auf dem Weg zu seinem Büro zu machen. Ich habe bis 2005, als das Gesetz geändert wurde, die Betreuten eher aufgesucht, als dass sie zu mir ins Büro kamen. Das ist heute kaum mehr möglich.

      Heißt, mit der Betreuung wirst du entlastet, Dinge und Angelegenheiten für dich geregelt, aber kaum mit dir besprochen. Vielleicht noch im Nachhinein dich informiert, aber wohl kaum dein Wunsch erfragt oder mit dir ein Weg gesucht, den du gerne gehen möchtest. Beispiel, der Betreuer hat ein Online Zugang bei der Sparkasse. Du hättest aber ein Konto bei der Post. So wird der Betreuer versuchen, beim Aufgabengebiet Vermögenssorge, seine Arbeit dadurch zu effektivieren, dass er oder sie möglichst bald dir ein Konto bei der Sparkasse einrichtet und dein Konto bei der Postbank auflöst, auch wenn es dir nicht gefällt.

      Und so bekommst du natürlich recht schnell den Eindruck, entmündigt zu sein. Man nennt es auch das Normative des Faktischen. Mit anderen Worten, das Gesetz hinkt der Realität hinterher.

      Für dich ist es eine Abwägung. Kommst du irgendwie auch alleine klar oder mit Hilfe von Freunden und Bekannten oder auch mit einer Eingliederungshilfe des übergeordneten Sozialhilfeträgers - die haben in der Regel auch mehr Zeit zur Verfügung, oder aber brauchst du jemanden, der möglichst schnell dir die Kohlen aus dem Feuer holt. Sollte letzteres der Fall sein, wirst du wohl in den sauren Apfel beißen und ins kalte Wasser springen müssen. Ansonsten frag mal beim örtlichen Sozialdienst deiner Gemeinde nach, ob die dir nicht auch anderweitig helfen können. In diesem Sinn viel Erfolg und ein gutes 2014
      Heinz
    • Hallo Heinz, danke für Deinen ausführlichen Beitrag.

      Auf die Frage, dass ich befürchte dann wie von Eltern bevormundet zu werden, hast du richtig erkannt. Auf der Internet-Seite Wegweiser-betreuung.de stand mal folgende Beschreibung: "Was bedeutet es konkret, wenn eine Betreuung eingerichtet wird? Das Betreuungsgericht benennt eine Person, die gewisse Rechte und Pflichten für den Betroffenen übernimmt; dies ist der Betreuer. Grob vereinfacht gesagt: Der Betreuer übernimmt dem Betroffenen gegenüber eine ähnliche Stellung wie Eltern gegenüber ihrem minderjährigen Kind."


      Wenn die Geschäftsunfähigkeit festgestellt wird, steht der Betreute dann ständig unter Kontrolle?
      Ist es denn rechtens, dass der Betreuer anders handelt als es im Gesetz steht? Das der Betreuer aus Zeitgründen sich nicht mit seinem Klienten abspricht und entgegen der Wünsche des Betreuten handelt?

      Beste Grüße,
      Interessierter
    • hallo Interessierter,

      ist das Leben logisch? Ich habe im Studium lange damit gehadert, dass auch das Recht nicht unbedingt logisch ist. Nicht einmal der Aufbau, geschweige denn die Anwendung.

      Wie ich erwähnte - die Absicht des Gesetzgebers 1991 war ehrenhaft und wohlwollend. Dann wurde es aber dem Staat recht teuer und so wie andere Haushalte konsolidiert werden müssen, musste auch im Betreuungswesen gespart werden. Heißt, letztlich nicht mehr soviele Betreuer und deren Verdienst gedeckelt. Doch die Betreuer wollen von ihrer Arbeit leben und haben viele Betreute, aber für die einzelnen recht wenig Zeit.

      Mit anderen Worten - die Aussage, ein Betreuer wäre so ähnlich wie Eltern für ihr Kind, stimmt so nicht. Denn in der Regel haben die Eltern mit der Fürsorge für ihr Kind auch mehr Zeit, auf die Wünsche und Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen. Ein Betreuer oder eine Betreuerin ist der verlängerte Arm des Gerichts, sozuagen der Außendienst und die Rechtspflegerinnen der gerichtliche Innendienst und die Richter oder Richterinnen die Chefs.

      Heißt, die Betreuer unterliegen einer gewissen Kontrolle und auch Weisung. Im Rahmen dessen müssen sie unter dem Aspekt des Zeit- und Vergütungsbudgets die Arbeit erledigen, ähnlich wie ein Pflegedienst nach der Stoppuhr. Pro Betreuten nur noch so und soviel Stunden im Monat vergütet.

      Dass dadurch die Absicht der Väter und Mütter des Betreuungsgesetztes von 1991 nahezu ins Gegenteil verkehrt wird. war den Justizminstern aller Bundesländern 2005 wohl bewusst. Sie wollten es so.

      Noch ein Wort zur Kontrolle - das hat zunächst nichts mit dem Zeit- und Vergütungsbudget zutun, sondern mit der Eigenständigkeit oder Bedürftigkeit des Betreuten. Ich hatte mal eine ältere Dame betreut wegen ihrer Depression. Sie war in Fragen der Kontoführung und Geldeinteilung penibler als eine Finanzbuchhalterin. Da hab ich nichts kontrolliert, weil ich mich völlig auf sie verlassen konnte. Auch behördliche Anträge und Fristen hatte sie voll im Blick. Ich habe mich jedoch für sie mit der Krankenkasse und der Pflegekasse und dem MDK rumgestritten. Das konnte sie nicht.

      Bei einer anderen suchtkranken Frau habe ich ihr Geld wöchentlich eingeteilt, weil sie überhaupt nicht mit Geld umgehen konnte. Wenn ein Betreuer sich über Wünsche und Willen des Betreuten hinwegsetzt, sollte es zum einen gute Gründe geben und es ist m.E. ein Gebot der Fairness, diese auch mit dem Betreuten zu besprechen oder zumindest mitzuteilen. Ich habe auch oft den Willen des Betreuten ignoriert. Aber es war um das Wohl des Betreuten oder um die Arbeit effektiver zu gestalten. Das Leben ist kein Ponyhof auch nicht für Betreute, aber auch nicht für Betreuer.

      Ich an deiner Stelle würde versuchen, mir das Denken und Handeln des Betreuers erklären zu lassen um es zu verstehen. Und vielleicht, hoffentlich hat dann der Betreuer auch mehr Verständnis für dich. In diesem Sinn viel Erfolg
      Heinz