der erste Fall

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    • der erste Fall

      hallo allseits,

      Sternenfee gab das Stichwort - der erste Fall und es mag auch schon mal zum Schlottern der Beine führen, war mir auch passiert. Was geht einem durch den Kopf, wenn man sein Einverständnis für den Fall gab? Es war nur ein kurzes Telefonat, ob ich denn noch Kapazitäten frei habe und um wen es sich im Groben handele und welche Probleme zu bewältigen wären. Nun denn. Es war oft ein Überraschungsei. Manchmal hörte es sich schlimmer an, als es dann tatsächlich war. Es kam aber auch vor, dass die eigentlichen Probleme erst im Laufe der nächsten Monate peu a peu herauskamen.

      Nun, mit dem Beschluss in der Hand hab ich mich dann sogleich auf dem Weg zum Klienten oder der Klientin gemacht. Ich hielt es für hilfreich, mir erst ein eigenes Bild zu verschaffen, bevor ich ein Gutachten las. Was andere aus welchen Intentionen auch immer geschrieben haben, war meist tendentiös. Meist sollte der Klient oder die Betreute für irgendwelche Anträge - und sei es auch für den Antrag auf Betreuung - als besonders hilfsbedürftig beschrieben werden. Somit waren die Gutachten meist nicht sehr resourcenorientiert.

      Da aber die Betreuung ja mit dem oder der Betreuten und nicht über ihren Kopf hinweg oder gar gegen sie geführt werden soll, was auch mein Ziel war, musste ich natürlich alsbald feststellen, was kann sie und was nicht, was konnte ich ihr oder ihm zumuten, und was war unmöglich. Entscheidend war erst einmal Beziehungsaufbau - Vertrauensarbeit. Trotz aller Paragraphen und Berechtigungen und Problembewältigung war da ein Mensch, ein Mitmensch, der oder die, aus welchen Gründen auch in eine missliche Situation gekommen war und Hilfe brauchte. Und da war natürlich schon das erste Problem - Scham. Wer will schon sich und anderen eingestehen, hilfsbedürftig zu sein oder aber diese Person war schon so abgestumpft, dass es ihr eigentlich egal war. Im Grunde hätte sie auch nackt sein können. Sie musste sich schon vor so vielen Ärzten und Beauftragten, Behörden oder dergleich seelisch ausziehen, da kam es auf einen auch nicht mehr drauf an.

      Und eben das war meine Chance - der Umgang mit dem Schicksal dieser Personen - Anteilnahme. Das Gefühl vermitteln, sie brauchen den Driss ihres Lebens nicht mehr alleine zu tragen. Mein Job war es Brücken zu bauen.

      War erstmal diese Hürde genommen, ergab sich das andere meist von selbst. Schwierig wurde es meist dann, wenn die oder der Betreute mit der Betreuung unzufrieden und von mir aus welchen Gründen auch enttäuscht war. Verlorenes Vertrauen wieder zu gewinnen ist sehr schwer, aber nicht unmöglich. Das Problem war meist, den oder die Betreute zur Mitarbeit zu bewegen und wenn das nicht möglich war, sie vor dem Gefühl zu bewahren, das alles über ihren Kopf weg gemanagt wird. Es gab aber auch KLienten, die das genossen haben und sich entspannt zurückfallen ließen, nach dem Motto der Betreuer macht das schon. Dann galt es den oder die Betreute, meist ja noch selbst geschäftsfähig, mit den Konsequenzen ihres Verhalten oder ihres Nichtstuns zu konfrontieren und natürlich die Erwartungen zu enttäuschen.

      Nun ja, das soll als Einstieg mal genügen. Auf konkrete Fragen gehe ich gerne ein.
      besten Gruß Heinz
    • mir fiel auf - meine Gedanken betrafen ja zunächst nur das Kennenlernen und weniger, was danach kam bzw. getan werden muss. Also - alsbald nach dem Beschluss kommt dann die Aufforderung vom Gericht, die Bestellungsurkunde abzuholen. Da werden dann auch Fragen gestellt, ob man denn vorbestraft sei und dass innerhalb eines Monats der allgemeine und der Vermögensbericht ( beim Aufgabenkreis Vermögenssorge) zu erstellen sei. Bei der Gelegenheit habe ich dann den Einblick in die Akte erbeten und gefragt, ob ich mir das Gutachten, das meist zur Betreuung geführt hat, kopieren dürfe, was auch durchweg erlaubt wurde. Dann habe ich mir natürlich auch gleich die Adressen der anderen Personen, ob Angehörige oder Gläubiger, die BG Nummer vom Jobcenter, die Krankenkasse ( bei Gesundheitssorge) und Name und Adresse vom Vermieter (bei Wohnungsangelegenheiten) herausgeschrieben, so dass ich handlungsfähig war, um mich den Problemen der oder des Betreuten zu widmen.

      Dann hab ich mir sorgfältig das Gutachten durchgelesen. Da steht ja auch viel über das Leben und den Werdegang des Betreuten drin und auch über die dringenden Fragen, was weshalb zutun sei. Oftmals sind es Fragen der Schuldentilgung oder Wohnungsangelegenheiten. Fragen der Gesundheit und Behandlung kamen meist erst danach. Einmal hatte ich einen Fall, da ging es von Anfang an um die Amputation des zweiten Raucherbeines. Oder bei einem anderen um einen Wechsel ins Altenheim oder der Verkauf eines Eigenheims.

      Nachdem ich mich halbwegs kundig gemacht habe, bin ich wieder zur Betreuten und hab dann was ich erfahren habe, mit ihr besprochen. So wusste sie oder er, was ich weiß und ich erfuhr, wie er oder sie selbst zur eigenen Situation stand, wohlmöglich das Alkoholproblem leugnete oder die Schulden verharmloste oder wie weit überhaupt einsichtig in die Notwendigkeit der Betreuung. Oftmals wuchs erst mit der Zeit die Einsicht, dass es ohne Betreuung eigentlich gar nicht mehr ging.

      Und mit den Wochen erfuhr ich dann mehr über die allgemeine Situation wie auch über die finanzielle, nahm Kontakt mit dem Geldinstitut und dem Jobcenter auf, stellte mich vor und erfuhr die Angelegenheit aus deren Sicht. Nach einem bis anderthalb Monaten hatte ich dann den Überblick, um dann den Anfangsbericht zu erstellen. War ich mit Vermögenssorge beauftragt, war es ratsam, Tag und Stand des Kontos zu vermerken, denn nach einem Jahr stand dann die Rechnungslegung an. Doch dazu demnächst mehr.

      Heinz
    • ich würde mich hier gerne mit noch jemanden über den ersten Fall austauschen. Jeder und jede erlebt das erste Mal.... anders. Nun ja, eine erste Betreuung wird sicherlich nicht ganz so aufregend sein, wie das erste Date. Aber spannend ist es dennoch. Betrachten wir doch die Situation mal aus der Meta Ebene - da will jemand für einen anderen oder eine andere tätig werden. Und auf der anderen Seite ist da jemand, der oder die Hilfe benötigt - ganz objektiv, wurde vom Gericht festgestellt. Es gab ein Gutachten oder ein Attest, jedenfalls war ein Arzt der Ansicht, diese Person kann die eigenen Angelegenheiten nicht mehr selbst wahrnehmen. Weshalb, ob kognitiv oder psychisch sei mal außer acht gelassen. Das alleine ist ja schon sowas wie der Führerscheinentzug mit einer nicht bestandenen MPU - einer medizinisch pschychischen Untersuchung: nicht mehr in der Lage, ein Fahrzeug zu führen. Wer will sich das schon eingestehen, praktisch lebensunfähig zu sein. Manche haben sich mit ihrer Krankheit und Behinderung abgefunden. Wurden desillusioniert und haben sich mit ihrerm Schicksal abgefunden. Nun hoffen sie, dass da jemand kommt, der die Dinge für sich regelt. Sie wünschen sich entlastet zu werden, sich um Behördenangelegenheiten nicht mehr kümmern zu müssen. Aber auch nicht immer wieder durch irgendwelche Schreiben in grauem oder blauem oder gar gelben Kuvert daran erinnert zu werden. Manche finden es so nervig, dass sie die Schreiben ungeöffnet in einer Schublade oder Karton haben verschwinden lassen. Aus den Augen aus dem Sinn. Aber manche Gläubiger sind sehr nervig und renitent. Selbst noch nach Jahren.

      Es gibt aber auch andere, die noch versuchen, wenigsten etwas Selbständigkeit zu behalten. Selbst noch Kontoauszüge zu ziehen oder möchten über alle Schreiben des Betreuers an Behörden, Vermieter oder dgl. informiert werden. Sie so zu behandeln, als seien sie völlig unfähig oder desinteressiert, ist Missbrauch. Kein Vertun - auch der Staat in Form vom Ärzten und Gericht und auch Betreuern begehen mitunter an den Betreuten und Hilfsbedürftigen Missbrauch. Das wird zwar so nicht gesagt oder gar geleugnet, weil ja staatliche Fürsorge, aber der runde Tisch des auch staatlichen Missbrauchs in Waisenkinderheimen ist noch gar nicht lange her. Und auch das war damals staatliche Fürsorge.

      Nun ist der Gesetzgeber nicht völlig blöd, manchmal nur widersprüchlich. So schrieben die Verfasser ins Betreuuungsgesetz, dass die Betreuung mit dem Betreuten zu führen ist. Auf die Wünsche der Betreuten soll - soweit wie möglich und dem Wohl des Betreuten förderlich - eingegangen und realisiert werden. Das liest sich gut. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Und viele Betreuer und Betreuerinnen, ich glaube überwiegend, beherzigen auch diese Bestimmung des Gesetzes. Aber - die Realität sieht oftmals anders aus. Doch zum Zeit- und Vergütungsbudget schrieb ich schon an anderer Stelle.

      Ich möchte hier nur ein bisschen sensibilisieren für die eigenen Vorstellungen des Betreuers oder der Betreuerin wie auch für die der Betreuten. Sie sind oftmals völlig entgegen gesetzt. Und wenn sie nicht angesprochen und besprochen werden, können diese unterschiedlichen Erwartungen und Annahmen zu heftiger Enttäuschung, sogar psychischer Verletzung führen. Wer möchte, dem schreib ich gerne noch mehr zu diesem Thema.

      Heinz