Erstkontakt Betreuung

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    • Erstkontakt Betreuung

      Hallo Zusammen! Ich bin Anfängerin und brauche bitte Ihre Unterstützung! Ich möchte bitte, dass ihr mir hilft diesen Fall zu lösen.
      Frau W., 38 Jahre alt, allein stehend, vor einem Jahr geschieden, lebt in einem
      Mietshaus. Sie leidet an einer Schizophrenie. Frau W. hat den Wahn entwickelt von
      ihrer Umwelt abgehört und bedroht zu werden. Sie lehnt jeden Außenkontakt ab.
      Schon während des Betreuungsverfahrens musste sie zwangsweise vorgeführt
      werden. Die Nachbarn haben sich bereits beim Vermieter über häufige
      Ruhestörungen in der Nacht beschwert. Die Hausbewohner, vor allem die Familien
      mit Kindern, fühlen sich von Ihrer Betreuten bedroht. Ein Räumungsverfahren läuft.
      Laut Gutachten ist schnelles medizinisches Handeln erforderlich, um eine
      Chronifizierung der Erkrankung zu verhindern. Aus der Gerichtsakte geht weiter
      hervor, dass Ihre Betreute hoch verschuldet ist. Die Miete ist seit 2 Monaten nicht
      mehr gezahlt worden. Auf der anderen Seite werden die Unterhaltszahlungen des
      geschiedenen Ehemannes nicht realisiert. Weitere Informationen über die
      wirtschaftlichen Verhältnisse liegen nicht vor, es gibt jedoch Hinweise darauf, dass
      die Finanzen Ihrer Betreuten auch in jeder anderen Hinsicht völlig desolat sind.
      Ihnen wurden folgende Aufgabenkreise übertragen: Sorge für die Gesundheit,
      Vermögensangelegenheiten, Wohnungsangelegenheiten, Postempfangs- und
      Öffnungsbefugnis, Behördenangelegenheiten.
      2. Fragestellungen
      Wie gestalten Sie Ihren Erstkontakt?
      Wie gehen Sie bezüglich der Betreuungsplanung vor?
      Wo setzen Sie den Betreuungsschwerpunkt?
      Welche Institutionen ziehen Sie bei der Betreuungsplanung und
      Betreuungsdurchführung hinzu?
      Wie planen Sie den weiteren Verlauf der Betreuung, nachdem die ersten Schritte
      erfolgten?
      Bitte geben Sie, wo das möglich ist, für alle Ihre Schritte die gesetzliche Grundlage
      an (Gesetz, Paragraph, evtl. Kommentar

      VIELEN LIEBEN DANK!!!
    • hallo Alternative,

      aus deinen Fragen entnehme ich, dass du dir a) schon viele Gedanken gemacht hast und b) unsicher bist.

      Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, der Beginn einer Betreuung ist immer ein Sprung ins kalte Wasser. Du weißt nie wirklich, was auf dich zukommt. Es kam vor, dass ich wer weiß was befürchtet habe und es löste sich recht schnell alles wie von selbst und natürlich auch umgekehrt, wo ich annahm, dass die Probleme überschaubar und zu händeln waren und dann wurde es zunehmend problematischer. Das birgt der Job so mit sich. Also: Mut zur Lücke.

      Andererseits ist es schon richtig, sich auf das Erstgespräch vorzubereiten, die Informationen zusammen zu stellen um auch die Betreute gezielt zu fragen. Aber: mit dem Erstkontakt werden nicht die Probleme gelöst, nicht mal in ihrer Komplexität erfasst. Gib dir Zeit. Lerne die Betreute kennen und gib dich ihr zu erkennen. Schaffe erst einmal eine Vertrauensbasis. Sicherlich hast du einen Auftrag vom Gericht, aber wie du ihn gestaltest und in welcher Zeit du die Probleme angehst, entscheidest mitunter du oder sie werden, wie die Räumung von anderen entschieden. Und: nichts ist zu spät. Setz dich selbst nicht unter Druck und auch nicht die Betreute, das bringt nichts. Wichtig ist, am Anfang festzustellen, ob die Chemie stimmt. Kannst du es mir ihr und sie mit dir. Das ist im Grunde schon die halbe Arbeit. Stimmt die Chemie nicht und bekommst es nicht geregelt, hast du nachher weit mehr Arbeit bishin zu Gegendarstellungen bei Beschwerden.

      Also lass erst einmal die Planung beseite. Ich würde mal veranschlagen, nach dem zweiten, dritten Kontakt, wo du schon ein paar Informationen für den Vermögensbericht zusammen bekommen hast (Konto Nr, Konto Stand, weitere Vermögenswerte, Schulden und dgl.) da ließe sich dann langsam an eine Planung denken. Aber auch ohne Planung kannst du recht erfolgreich evaluieren und den Erfolg oder Teilerfolge deiner Arbeit feststellen und notfalls dem Gericht mitteilen. Manche Betreuten sind recht schwierig und chaotisch. Da ist eine Planung vergebliche Liebesmüh.

      Ich an deiner Stelle würde wie gesagt ganz locker in den Erstkontakt gehen, schauen, wie sie wohnt, mit ihr besprechen, wie sie wohnen möchte, und ob sie sich vorstellen kann, wegen der Räumung anderweitig zu wohnen, oder ob du die Räumung noch abwenden sollst und kannst. Mitunter ist allein die gesetzliche Betreuung Grund genug, von der Räumung Abstand zu nehmen, weil ja jetzt jemand da ist, der sich um die behördlich finanziellen Angelegenheiten kümmert und wohlmöglich auch die ausstehenden Mieten leistet. Würde nämlich tatsächlich geräumt, kann der Vermieter auf den Kosten sitzenbleiben, weil die Rente oder sonstige Einkünfte für eine anderweitige Unterbringung herhalten müssen und ansonsten die Betreute leistungs- und vermögensunfähig ist. Das ist auch das Argument, um möglicherweise den Vermieter/Verwalter zum Umdenken zu bewegen.

      Die gesundheitliche Frage müsste über den Hausarzt beim Psychiater zu klären sein oder gar eine Diagnose und erste Behandlung in einer Klinik. Vielleicht ist die Betreute ja bereit, freiwillig für eine gewisse Zeit sich in Behandlung zu begeben. Auf jeden Fall würde ich mich vom Gutachten oder auch vom Sozialpsychiatrischen Dienst nicht unter Druck setzen lassen. Einsicht und Freiwilligkeit ist mehr Wert als jede Amtshandlung gegen den Willen der Betreuten. Dass sie paranoid ist, ist für sich auch nicht unbedingt besorgniserregend, solange sie nicht andere oder sich selbst akut gefährdet. Auch die Beschwerden der Nachbarn oder der Frust des Vermieters sind irrelevant. Du bist nicht deren Anwalt, bist nicht von denen beauftragt und bist auch nicht denen rechenschaftspflichtig, sondern allein dem Gericht. Ansonsten hast du das Wohl der Betreuten zu suchen und zu wahren [url]http://dejure.org/gesetze/BGB/1901.html[/url]

      Bei der Gelegenheit - lies dich mal in die Paragraphen von §§ 1896 BGB ein. Das ist ein guter Anfang. Bei § 1908i BGB findest du den Verweis, das auch andere Paragraphen aus dem Bereich der Vormundschaft für gesetzliche Betreuungen gelten. Und ergänzend empfehle ich eine Fortbildung für Betreuer in rechtlichen Fragen, dazu gehört natürlich Vorschriften des SGB zu Ansprüchen gegenüber dem Jobcenter wie auch Fragen zur Behinderung und ähnliche. Für Betreuer ist natürlich auch das dejure.org/gesetze/VBVG

      Soweit so nebenher. Für deine Anfrage: Ich würde an deiner Stelle schauen, was geht. Wie ist die gute Frau so drauf. Ist ihre häusliche Versorgung gewährleistet. Wer kann es machen und wen würde sie zulassen, Einkaufen, Waschen, Putzen und dgl. Kennt sie einen Pflegedienst, den sie reinlassen würde? Wäre sie bereit, wenn der einen Schlüssel bekommt, dass er nach dem Rechten sieht, wenn sie nicht aufmacht. Der auch im Notfall also auch des Nachts oder am Wochenende erreichbar ist - willst ja wohl kaum selbst rausfahren.

      Kann ein Pflegedienst die gesundheitliche Versorgung sicherstellen, Termin mit dem Arzt, Koodination der Fakten und dgl. Gegebenenfalls auch mit der Klinik sprechen. In diesem Zusammenhang föllt mir der Begriff des Outsourcing ein - alles was andere für dich tun können, brauchst du nicht selbst zu tun. Deine Zeit ist eh begrenzt, es sei denn du arbeitest ehrenamtlich. Dann kannst du dich voll einbringen. Aber pass auch dich selbst auf. du bist nicht die Mutter der Betreuten zumal die Betreute wohl weiterhin voll geschäftsfähig ist, sofern sie keinen Einwilligungsvorbehalt hat.

      Ich wünsche dir viel Kraft, aber auch eine gehörige Portion Distanz und Coolness und Entschleunigung, wo du merkst, dass andere dich unter zeitlichen oder Erfolgsdruck setzen wollen. Wie gesagt, niemand hat dir zu sagen, was du zutun hast, bis auf die Rechtspflegerin oder die Richterin. Alle anderen haben sich nach deinen Vorstellungen und Zeitvorstellungen und Plänen zu richten, ob es denen passt oder nicht. Und du bist zum Wohl der Betreuten aktiv. Also schaust du als erstes, was tut der Betreuten gut und was nicht. Nicht die Betreute muss der Gesellschaft angepasst werden, sondern die Gesellschaft hat auf die Behinderung und Erkrankung der Betreuten im Sinne der Inklusion Rücksicht zu nehmen. Die Betreute ist eine Zumutung für die Gesellschaft und nicht umgekehrt. Das heißt, die Umstände und Bedürfnisse und Hilfen sind der Gesellschaft, den Nachbarn, dem Vermieter zuzumuten. Das wollen viele so nicht sehen und würden gerne in Ruhe und Frieden leben und am besten, dass solche Störenfriede irgendwie entsorgt werden. Das hatten wir schon mal. Das brauchen wir nicht. Und deshalb werde ich bei Ansprüchen von anderen im Umfeld der Betreuten immer ganz kribbelig.

      Also viel Erfolg, viel Kraft und Geduld und lass uns wissen, wie es weitergeht, ja?
      herzlich Heinz
    • hallo Alternative,

      konkret zu deinen Fragen der Betreuungsplanung, der Verschuldung und den Ansprüchen gegen den Ehemann.

      Also für Betreuungsplanung brauchst du zunächst niemanden hinzu zu ziehen. Du bist ausschließlich dem Gericht gegenüber verantwortlich. Wenn die von dir keine Planung verlangen oder dir bestimmte Prioritäten vorgegeben haben, entscheidest du völlig alleine. Du kannst auch völlig ohne Planung arbeiten und das klären, was am dringlichsten ansteht.

      Eine Betreuungsplanung ist ähnlich wie eine laufende Inventur - einen festen Zeitpunkt, wo alle Fakten bekannt sind und die Dringlichkeit objektiv und distanziert beurteilt werden kann, wird es nicht geben. Immer wieder kommen neu Fakten hinzu, die eine vorläufige Planung wieder in Frage stellen und zum Umdenken und Umplanen zwingen.

      Die Verschuldung ist ein wichtiges Thema. Also gilt es sich einen Überblick über die Verbindlichkeiten zu verschaffen, ggfls. die Gläubiger kontaktieren und den aktuellen Stand zu erfragen. Dabei ist zu prüfen, welche Forderungen berechtigt sind. Letztens berechnete ein Vereinsbetreuer auch die Forderungen des vorherigen Hausverwalters dazu. Er war völlig überrascht, als ich ihn auf den Forderungsübergang hinwies. Der vorherige Verwalter hat keine eigenen Ansprüche an den Betreuten. Also war die Aufstellung dahingehend zu korrigieren. Auch hatte der Betreute bereits auf bestimmte Forderungen geleistet, die nicht berücksichtigt waren. Die Richtigkeit von Forderungsaufstellungen ist nicht von vornherein zu vermuten. Misstrauen ist durchaus berechtigt.

      Natürlich ist die Liquidität der Betreuten zu bedenken, was kann sie in welcher Zeit leisten? Wie hoch ist ihr Einkommen, was braucht sie im Monat. Wenn nicht viel übrig bleibt, bleiben auch die Schulden wie sie sind. Notfalls wird für die Betreute eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, damit die Gläubiger Ruhe geben.

      Andererseits ist da noch der Unterhalt des Ehemannes. Ist der Anspruch berechtigt? Unterhalt wird meines Wissens nur noch begründet, wenn die eigene Sicherung nicht möglich ist und die Notwendigkeit besteht z.B. bei Alleinerziehenden kleiner Kinder. Ich würde den Anspruch anwaltlich prüfen lassen. Sollte der Anspruch bereits gerichtlich zugesprochen sein, gilt es den zu vollstrecken. Notfalls muss ein Titel beantragt werden. Sollte bei dem Ehemann nichts zu holen sein, ist dieser Anspruch eher wertlos und kann natürlich nicht dem Vermögen der Betreuten zugerechnet werden, da er nicht realisierbar ist.

      Bei der Wohnungsmiete ist wie gesagt mit dem Vermieter zu verhandeln ob er sich auf eine Ratenzahlung einlässt und vom Vollzug der Räumung vorerst absieht. Letztlich stellt er sich damit besser.

      In diesem Sinn viel Erfolg
      Heinz