Selbstbestimmung und Betreuung - ein Widerspruch?

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  • Selbstbestimmung und Betreuung - ein Widerspruch?

    Guten Morgen,

    ich hoffe, daß ich hier einmal ein paar Anregungen bekomme, wie ich einen Konflikt lösen kann.
    Ich habe Depressionen und eine kombinierte Persönlichkeitsstörung, habe eine stationäre Therapie gemacht und bin jetzt in einer ambulanten Therapie. Meine Therapeutinnen - sowohl stationär als auch ambulant - haben gemerkt, daß ich viele Dinge ganz einfach so lange herunterschlucke, bis ich dann irgendwann einmal explodiere und wollen mich dazu bringen, daß auch ich rechtzeitig meinen Gegenüber zeige, was ich möchte. Auf der Station hat es mit einer zeitweisen Zimmernachbarin gekracht, im Alltag krachts dauernd mit meinem Betreuer, der sowohl Vermögenssorge als auch Gesundheitsfürsorge, Wohnungsangelegenheiten etc. hat. Ich versuche erneut, ihm schon bei Kleinigkeiten zu zeigen, was ich will - und stosse wie gewohnt auf taube Ohren. Ignoranz, nicht melden, keine Information über irgendetwas und wegen Geldmangel renovierungsbedürftige Wohnung samt den entsprechenden Schamgefühlen von meiner Seite aus gegenüber Bekannten und Mitbewohnern im Haus - das ist mein Alltag und ich finde kein Rezept, selbstbewusster und gesünder zu werden.
    Mich bedrückt das ungemein, zumal ich ja für alles, was schiefgeht, verantwortlich gemacht werde.
  • hallo Maurice,

    dieses Schicksal teilen viele. Die Hilfebedürftigen werden oft für die Unfähigkeiten der Profis verantwortlich gemacht. Die Unfähigkeiten können in der fachlichen Kompetenz, in der Persönlichkeit oder auch in den Umständen liegen. Ich habe hier bereits mehrfach hingewiesen, dass Betreuer-Innen nur ein beschränktes Zeit- und Vergütungsbudget haben. Es ist gerade so wie bei manchen Ärzten, die am Ende des Quartals die Praxis schließen müssen, weil sich laut Gesundheitsverordnung nichts mehr verschreiben dürfen, ohne selber gegenüber der Krankenkasse regresspflichtig zu werden. Und deine und deinesgleichen Schwierigkeiten würde bei den Ärzten bedeuten, dass den Patienten, die am Quartalsende krank werden, der Vorwurf gemacht wird, weshalb sie nicht am Anfang des Quartals krank geworden sind. Nun müssen sie sich bis zum nächsten Quartal gedulden.

    Deshalb ist vermutlich mamche scheinbare Ignoranz des Betreuers nichts anderes, als dass er im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen und praktischen Möglichkeiten keine andere Wahl hat, als seine Arbeit möglichst zu effektivieren. Viel Zeit für Gespräche, Rücksicht auf individuelle Vorstellungen und Wünsche hat er nicht. 4 Stunden im Schnitt im Monat sind wahrlich nicht viel. Und darin enthalten sind alle Telefonate, alle Fahrzeiten, alle Gespräche, alle Berichte und Korrespondenz. Selbst in einer Mischkalkulation mit anderen Betreuten reicht dann die Zeit für den Einzelnen oft nicht aus.

    Das ist aber nicht unbedingt böser Wille und Unfähigkeit, sondern einfach der Wille des Gesetzgebers bzw. der Gesellschaft, die diese Gesetzgeber gewählt hat.

    Das ist jetzt nur die Seite des Betreuers. Das ändert noch nichts an deiner Situation bzw. deinen Schwierigkeiten. Ich denke, dass du im einem Programm bist, wo du den konfliktträchtigen Umgang mit anderen lernst und deine Lösungskompetenz verbesserst. Das ist gut. Und glaube mir, wer so ein Programm absolviert hat, ist mitunter befähigter als andere, die zwar nicht psychisch beeinträchtigt sind, aber auch keine besserer Konfliktlösungskompetenz haben. Und das sind auch Richter und Rechtspfleger und Betreuer, aber auch andere.

    Insofern kannst du dich glücklich schätzen, dass du die Möglichkeit hast, an dir zu arbeiten und für dich und dein Leben kompetenter zu werden. Ich wünsche dir viel Geduld, nicht nur mit den anderen, sondern auch mit dir selbst und viel Erfolg auch in den kleinen Schritten und dass du eben diese Erfolge für dich siehst und schätzt, auch wenn es andere nicht so sehen oder werten. Wichtig ist, dass du für dich deine Erfolge erkennst und stolz auf dich bist.

    In diesem Sinn viel Erfolg
    Heinz
  • Hallo Heinz und danke für die rasche Antwort.

    Nur wird doch genau mit "keine Zeit für individuelle Vorstellungen" das Ganze doch völlig ineffizient. Und meine individuellen Vorstellungen vom Leben unterscheiden sich in keinster Weise von den allgemein üblichen Vorstellungen. Z.B. wenn ich eine Ausbildung mache, brauche ich direkt im Anschluss Geld für Bewerbungen. Wenn meine Heizung kaputt ist und Motten im Teppich sind, muss ich doch nicht unbedingt damit warten, bis die Motten auch meine übrigen Wollsachen ruiniert haben, oder frieren oder Rente beantragen oder was auch immer.
    Wenn das die Vorstellungen meines Betreuers sind, ich solle solche Verhältnisse dulden, dann ist das doch sein ureigenstes Problem. Ich leite jedenfalls Beschwerden, die m i r dann deswegen vorgetragen werden, schlichtweg an den Betreuer weiter.
    Dann werden sich bei ihm seine ganzen Versäumnisse dann stapeln.
    Ob das effizient ist, wage ich zu bezweifeln.
  • hallo Maurice,

    deine Beispiele sind gewiss auch Beschwernisse von jedem anderen, ob betreut oder nicht, es sei denn, jemand ist bereits so abgestumpft, dass er oder sie sich damit abgefunden hat und eigentlich sich gar nicht anders vorstellen kann. Dem scheint es - glücklicherweise - bei dir noch nicht zu sein. Und dennoch scheint dein Betreuer dich hinsichtlich deiner Beschwerden nicht ernst zu nehmen bzw. nichts oder kaum was zu unternehmen, um die Missstände zu beheben.

    Also erlebst du die Ineffizienz von Betreuung. Ob die immer so ist oder gar nicht anders sein kann, kann dir egal sein. Du möchstest, dass sich deine Situation ändert. Aber der, dessen Job es ist, sich um deine Belange zu kümmern, tut es nicht. Also hast du zwei Möglichkeiten - entweder du gehst den Weg der Beschwerde; beschreibst den Sachverhalt und schickst es ans Gericht in der Hoffnung, dass die dem Betreuer Beine machen und ihm sagen, dass er sich um deine Belange zu kümmern habe und zwar so, wie du es dir vorstellst. Ich habe in all den Jahren nicht erlebt, dass so etwas passiert. Mag sein, dass die Rechtspflegerin oder der Richter (bzw. umgekehrt) dem Betreuer mal was steckt, aber letztlich konnte der Betreuer oder die Betreuerin weiterhin tun und lassen, wie sie es wollte, was dem Betreuten nicht viel weiterhalf, weil die Beziehung zum Betreuer nur noch mehr belastet war. Wenn man jemandem auf die Füße tritt, darf man sich nicht wundern, dass er humpelt und wird wohl kaum schneller laufen als zuvor.

    Alternativ dazu ist, du machst es selbst. Ist zwar paradox, da ja mit der Betreuung attestiert wurde, du kannst es nicht und dafür hast du die Betreuung. Mit der Betreuung passiert es aber auch nicht. Also wie Baron von Münchhausen sich am eigenen Zopf aus dem Morast ziehen. Heißt ganz praktisch -
    a) Rente beantragen: Formblatt aus dem Netz ziehen, ausfüllen, wegschicken. Notfalls noch ein ärztliches Attest beibringen;
    b) frieren: mit dem Vermieter sprechen wegen der Heizung, sollte sie nicht repariert werden, beim Mieterschutz sich erkundigen bzw. die Miete mindern oder die Heizung auf Kosten des Vermieters reparieren lassen, aber das erst nach Ankündigung. Alles weitere erzählt dir der Mieterschutz
    c) Teppich mit den Motten zum Sperrmüll geben und sich im Brockenhaus (caritatives Möbellager) einen neuen gebrauchten besorgen und bringen lassen
    d) beim Jobcenter die Erstattung der Bewerbungskosten beantragen. Musst zwar vorstrecken, aber bekommst die dann erstattet. Im Wege der Ausbildung werden mitunter schon Bewerbungen verfasst und Mittel dazu gestellt, wie Bewerbungsmappe, Kopien u. dgl.

    Das Weiterleiten deiner Beschwerden an den Betreuer scheint nicht effizient zu sein, denn sie verhallen ungehört. Jetzt kannst du natürlich immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand laufen beim Versuch durch die Türe zu kommen. Aber die Wand wird härter sein und du wirst Beulen am Kopf bekommen. Statt dessen suchst du deine Möglichkeiten, um an deine Ziele zu kommen und das praktisch ohne den Betreuer. Dass er dafür, dass du praktisch dir selbst hilfst, eine Vergütung bekommt, darf dich nicht interessieren. Es gibt soviele Leute, die für irgendwelchen Driss, der mich überhaupt nicht tangiert, Geld bekommen, darf auch mich nicht interessieren. Geh du deinen Weg und habe Erfolg. Es ist dann dein selbst erarbeiteter Erfolg, worauf du zurecht stolz sein kannst.

    In diesem Sinn hilf dir selbst, sonst hilft dir kaum jemand.
    Heinz
  • Danke Heinz, aber solche Sachen sind mir geläufig und soweit irgendmöglich mache ich dies auch selber und verzichte auf vieles.

    Meine Depressionen bestehen leider nicht nur aus "Ich krieg den A***" nicht hoch", sondern sind mitunter psychotisch und auch die Persönlichkeitsstörung ist psychosenahe. Wenn ich einen Ankläger gehabt hätte, hätte ich mich in meiner ersten Depression strafbar gemacht und ich hätte noch nicht einmal gewusst, dass das so ist und was ich tatsächlich habe. Und bevor ich so etwas noch einmal erlebe, suche ich lieber einen entsprechenden Schutz. Nur: der Schutz muss auch gewährleistet sein. In freier Wildbahn nach meiner ersten Depression brauchte ich einmal einen Anwalt, aber viele waren nicht bereit, mich samt meiner Gefährdung ordentlich zu vertreten. Man kenne ja die psychisch Kranken zur Genüge.

    Die Betreuungskosten interessieren mich insofern, weil ich selber dafür aufkommen muss. Und dieses Geld fehlt mir an allen Ecken und Enden, weil ich vom Schonvermögen alleine meine kleine Eigentumswohnung nicht (mehr) halten kann und von meiner Rente keine Mietwohnung bezahlen kann. Ich muss also bis zu meinem Tod nebenbei verdienen.

    Im Übrigen war ich damals 13 Jahre alt, als meine (damals erst leicht alkoholkranke Mutter) mich kurz nach einem Termin bei ihrem Rechtsanwalt gebeten hatte, in einer sie betreffenden Strafsache die Schuld auf mich zu nehmen, d.h. für sie zu lügen. Offenbar gab es für den Anwalt keine andere Möglichkeit, die Unschuld meiner Mutter zu beweisen und als Zeugin durfte ich ja nicht aussagen. Seit dieser Zeit habe ich ein ausserordentlich gespanntes Verhältnis zu unserem Rechtsstaat und ich weigere mich strikt, erneut - und diesmal von einem Betreuer ausgehend - meinen Namen für Lügen vor Gericht heranziehen zu lassen. Wenn meine Beschwerden in Betreuungssachen vom Gericht ignoriert werden, dann ist dies streng genommen nichts anderes als damals. Und das muß ja nun wirklich nicht sein.
  • hallo Maurice,

    ich bin beeindruckt, wie exakt du deine Situation einschätzt und dich selber kennst. Und das wegen oder trotz der Depression. Nun bin ich nicht vom Fach. Ich weiß nur, dass Depressionen mitunter völlig unterschiedliche Gesichter haben kann. Während meiner Tätigkeit bei der Telefonseelsorge hatte ich mal eine Anruferin, die zeitweilig nicht mal in der Lage war, die Kaffeetasse anzuheben, geschweige denn den Flur zu putzen, wozu sie sich verpflichtet fühlte. Ich kenne andere, die nicht mehr Autofahren können, zumindest nicht mehr auf der Autobahn. Dann kenn ich jemanden, der durch die Depression spielsüchtig geworden ist. Manche werden sogar aggressiv. Dann kommt man erst recht nicht drauf, dass da eine depressive Erkrankung vorliegt.

    Du kennst dich und gehst noch arbeiten. Chapeau - das finde ich sehr beachtlich. Doch das mit deiner Eigentumswohnung und Schonvermögen und Mietwohnung und dgl. verstehe ich nicht. Die Eigentumswohnung hat einen gewissen Wert und vermutlich wirst du deswegen als vermögend angesehen, obwohl jeder weiß, dass Hausgeld an den Hausverwalter zu zahlen ist und das ist nahezu eine Miete. Und wenn dann noch Reparaturen oder Sanierungen am Allgemeineigentum anstehen, wird es für manchen eng.

    Solltest du aber eine Miete nicht aufbringen können, so bekommst du Mietzuschuss oder Wohngeld. Und das ohne dass du dein Schonvermögen angreifen musst.

    Ich finde, so aussichtslos scheint deine Situation nicht zu sein. Die Frage ist nur, was kommt für dich in Betracht und was nicht. Womit willst du dich engagieren und womit nicht? Wo ist deine Schmerzgrenze erreicht? Wenn du weißt, was du willst, kannst du das auch einfordern.

    Sicher, um manchen 'Fortschritt' musst du dich auch weiterhin selber kümmern, so wie du es schon machst. Vielleicht fehlt dir auch nur jemand, mit dem du deine Gedanken ordnen kannst, der dir zuhört, dir ein paar Anregungen gibt oder auch Adressen, wo du weitere Hilfe und Unterstützung erhälst.

    Auch bei den Betreuungskosten bin ich verwundert. So hoch sind sie nicht, wenn man bedürftig ist. Und dabei wird nicht derselbe Maßstab angesetzt wie in der Sozialhilfe. Das heißt, wer nach Sozialrecht noch vermögend ist, zahlt deshalb immer noch keine Betreuungskosten. Wenn es aber so ist, dass du für deine Betreuung zahlen sollst, dann ist es aber auch ein Mittel, um den Hebel anzusetzen. Geld gegen Leistung. Wenn keine Leistung, dann kein Geld. Das mag dein Betreuer ebensowenig wie das Gericht, doch damit kann man viel Wind aufwirbeln. Heißt, du forderst konkret Leistungen von deinem Betreuer, erbringt er sie nicht, machst du es schriftlich mit Nachricht ans Gericht. Beim zweiten Mal Androhung der Kürzung oder des Einbehalts. Passiert dann immer noch nicht - bekommst du gewiss eine Antwort.

    Sollte dann aber der Behördenapparat versuchen dich auszubremsen und mit Mahnung kommen, legst du Widerspruch ein. Dann wird ein Verfahren draus. Und so kannst du dann auch die Betreuung loswerden oder einen Betreuerwechsel erwirken.

    Deine Erfahrung mit dem Anwalt bzw. mit deiner Mutter ist schon traumatisch. Dass du davor zurück schreckst, kann ich gut nachvollziehen. Doch weil Eisenbahnen entgleist sind und Flugzeuge vom Himmel fielen und Schiffe gesunken und Autos verunglückt sind, heißt das ja nicht, dass ständig und gerade dir dergleichen passiert. Es gibt solche und solche Anwälte, wie es solche und solche Betreuer-Innen gibt, oder Ärzte oder Richter und und und. Es gibt überall integere, hilfsbereite, ehrliche und verständnisvolle Menschen in allen Bereichen, wie auch andere.

    Wenn es so ist, dass deine negativen Erfahrungen dich in deiner Depression hemmen und du eher das Versagen und den Misserfolg befürchtest, so wäre es gut, wenn du in einer Verhaltenstherapie gerade die Erfolge zu schätzen lernst, die dir Mutmachen, dich auch an schwierigere Sachverhalte zu begeben. Da du arbeiten gehst und dort ein gewisse Frustrationstoleranz unweigerlich mitbringst, und dich von Schwierigkeiten und Enttäuschung nicht entmutigen lässt, so glaube ich, dass du es auch schaffen wirst, deine finanzielle Situation oder aber auch deine Betreuungssituation zu klären und in deinem Sinn zu verändern. Ich bin da ganz zuversichtlich für dich.

    In diesem Sinn viel Erfolg
    Heinz