Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

      Ich bin zur Zeit ganz vertieft in den Roman "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" von Rachel Joyce.

      Harold, seit einem halben Jahr in Rente, lebt mit seiner Frau Maureen in einem kleinen Häuschen im süden Englands. Da erreicht ihn ein rosa Brief von seiner früheren Kollegin Queenie. Sie hat Krebs und ist inzwischen in einem Hospiz um ihre letzte Lebenszeit dort zu verbringen.Mit diesem rosa Brief verabschiedet sie sich von Harold und dankt ihm. Harold weint stumm als er die Zeilen liest und schreibt ihr augenblicklich zurück. Mit seinem Brief in der Hand geht er in seinen Segelschuhen los zum nächsten Briefkasten. Aber er geht an ihm vorbei und auch am nächsten und übernächsten und geht und geht. Er hat sich auf den Weg gemacht zu Queenie. Sie soll leben, er schreibt ihr: Ich werde laufen und du wirst leben.
      Seine Erlebnisse auf dieser Pilgerreise, auf der er interessante Begegnungen hat, lassen ihn von fremden Menschen lernen. er schließt sie in sein Herz und trägt sie mit sich weiter. Und ganz wichtig werden für ihn die aufkommenden Erinnerungen an seine Kindheit, an seine einst so glückliche Ehe und seinen Sohn.
      Wenn jeder alles von dem andern wüßte, es würde jeder gern und leicht verzeihen, es gäbe keinen Stolz mehr, keinen Hochmut. Hafis
    • hallo Rosine,

      schön hier wieder von dir zu lesen. Deine Buchempfehlung hört sich gut an. Sie erinnert mich an Forest Gump oder aber auch an die Jünger Jesu, die auch ihre Frauen und Kinder im Stich gelassen haben.

      Du schreibst, dass die Ehe von Harold einst glücklich war. Weshalb ist sie es nicht mehr? Weshalb lässt er alles stehen und liegen und rennt seiner sterbenskranken Kollegin von einst hinterher? Was treibt ihn, alle Vernunft fahren zu lassen? Im Lied von Udo Jürgens - ich war noch niemals in New York, hat der Mann auch solche Vorstellungen beim Zigaretteholen, kommt aber in sein trautes Heim und der Monotonie zurück.

      Man denke sich mal in die Rolle der Frau Maureen oder dem Sohn. Was denken die? Ist ihr Mann und Vater jetzt völlig durchgeknallt? Sie werden sich Sorgen machen? Wohlmöglich Vermisstenanzeige aufgeben. Und wenn sei erfahren, dass er er auf dem Weg zu seiner sterbenskranken Kollegin ist, wird die Frau sich fragen, ob ihr Mann sie all die Jahre geliebt hat oder insgeheim der Kollegin nachgetrauert hat. Wohlmöglich während gemeinsamen Beischlafs an sie gedacht haben.

      Ich kenne das Buch nicht und es wird gewiss interessant sein. Doch würde ich den Buchdeckeltext lesen, würden mich eben die Fragen an die Autorin interessieren. Ist wohlmöglich der Roman autobiographisch? Ist der Autorin dergleichen mit ihrem Partner passiert? Und schreibt sie sich frei?

      Besten Gruß
      Heinz


    • falsch abgebogen

      hallo Heinz,

      deine Fragen passen nicht wirklich zur Geschichte. Sie ist ganz anders. Vielleicht schreibe ich dir später noch mehr über den Roman, allerdings befürchte ich zu viel zu verraten und dann würdest du es sicher nicht mehr gern selbst lesen wollen.
      Wenn jeder alles von dem andern wüßte, es würde jeder gern und leicht verzeihen, es gäbe keinen Stolz mehr, keinen Hochmut. Hafis
    • hallo Rosine,

      ob meine Fragen passen, weiß ich nicht. Was passt schon und weshalb? Dass die Geschichte etwas anderes im Blick hat und auch vermitteln will, ist völlig klar. Aber wie bei jedem Entwurf und Konzept, ist es um so interessanter, was eben nicht berücksichtigt wurde und weshalb nicht. Das ist z.B. bei der Bibel nicht anders. Es gibt die alternerative von H.-M. Enzensberger, wo er all das zusammengetragen hat, was die Obersten der Kirche - aus welchen Gründen auch- nicht in den Kanon aufgenommen haben.

      Und so wie ich mich frage, was waren das für Jünger, die ihre Familie einfach im Stich gelassen haben, um einem Wanderprediger nachzufolgen, so ist natürlich auch hier die Frage gestellt, wird das Buch nicht in sich unglaubwürdig, weil unschlüssig, weil einerseits viel Gefühl und Vergangenheit und Zuneigung und Träume und Chancen betrachtet werden, aber die anderen Träume, wie z.B. seiner Ehe neuen Schwung zu geben, sich gegenüber seinem Sohn zu erklären, sich zu fragen, was passiert hier eigentlich.

      Sicherlich kann man mit viel Logik auch so einen Roman kaput machen, aber die Fragen an die Autorin sind durchaus erlaubt, weshalb sie eben solche Aspekte unberücksichtig gelassen hat, ebenso die Verkündigung des Wanderpredigers aus Nazareth, der Männer verführt hat, ihre Familien im Stich zu lassen. Auch solche Fragen müssen erlaubt sein.

      besten Gruß
      Heinz

    • Fragen erlaubt

      Hallo Heinz,

      natürlich kannst du Fragen stellen, egal welche. Darum ging es mir doch gar nicht.

      Aber was denkst du denn nun über Jesus und seine Jünger und das Verlassen der Familien? Passt zwar hier nicht direkt zu diesem Thema, aber mich würden deine Gedanken dazu interessieren.
      Wenn jeder alles von dem andern wüßte, es würde jeder gern und leicht verzeihen, es gäbe keinen Stolz mehr, keinen Hochmut. Hafis
    • hallo Rosine,

      nun, die Bibel ist ja ein literarisches Werk, wie ein Roman. Vieles mag sich so zugetragen haben, wie es geschrieben steht, anderes etwas anders und manches wurde wohl praktisch dazu gedacht - es spielt im Orient und dort wird viel erzählt und dramtisch umschrieben, um es halt zu verdeutlichen, so wie die Geschichten von Hiob und Jona.

      Auch über Jesus steht nicht alles geschrieben, was gewiss passiert ist. So steht zwar, dass Jesus über Jerusalem geweint hat, aber nirgends, dass er gelacht und sich ausgiebig gefreut hat, obwohl das ganz bestimmt auch passiert ist. Jesus war gewiss kein Freund von Traurigkeit. Aber er war zeitweilig so etwas wie ein Guru, er zog die Leute in seinen Bann. Das ist nicht spekulativ, sondern am Einzug in Jerusalem wohl recht deutlich, dass sie ihm zujubelten und die Obrigkeit nervös gemacht hat.

      Es gab unter seiner Gefolgschaft auch welche, von denen geschrieben steht, dass sie Frau und Kinder verlassen haben und sind Jesus nachgefolgt. Soetwas haben wir hier und heute auch, wenngleich der Mann, der seine Familie im Stich lässt, es selten wegen eines Gurus macht, sondern weil er eine andere Frau gefunden hat oder aus welchen Gründen auch. Hier und heute bekommen die alleinerziehenden Frauen und Kinder Hilfe von der Solidargemeinschaft, sprich aus Steuergeldern und von der kommune. Damals gab es das nicht. Das bedeutet, dass der alleinige Ernährer - Frauen gingen selten gegen Lohn arbeiten - fiel weg und die Familie in Armut. Die Mütter und Frauen mussten betteln gehen und deren Kinder auch.

      Das sind so Aspekte, die bei oberflächlicher Betrachtung der Bibel natürlich nicht sogleich ins Auge springen, sondern erst durch Überlegungen zustande kommen. Und viele Gläubige wollen so etwas auch nicht hören oder denken. Für sie ist Jesus frei von Sünde. Betrachtet man hingegen seine Abfuhr seiner Mutter und Geschwister, als er meinte, alle Gläubigen seine seine Geschwister im Glauben, da hat er eindeutig gegen das Gebot verstoßen, die Eltern zu ehren.

      Die Sündfreiheit Jesu ist halt auch nur ein theologisches Konstrukt, um ihn als den Erstgeborenen deklarieren zu können. Die Wahrheit über die Besonderheit Jesu erschließt sich auf einer ganz anderen, eher mystischen Ebene. Da ist es völlig irrelevant, ob Jesus von einem Mann gezeugt wurde oder sündfrei war oder gen Himmel gefahren ist. Das sind m.E. alles orientalische Geschichten. Aber manche brauchen das für ihren Glauben. Dann soll es auch Recht sein. Jedem und jeder, das was er oder sie braucht.

      Aber so wie Jesus die geistliche Ordnung durcheinander gebracht hat mit seiner Lehre oder auch Luther sich gegen die geistliche Obrigkeit aufgelehnt hat und viele andere Glaubensmänner und auch Frauen, wie Hildegard von Bingen und andere auch, so ist es durchaus legitim, im Glauben den Verstand nicht außen vor zu lassen und zu überlegen, wie kann sich das damals zugetragen haben, wie zum Beispiel die Speisung der achttauschend oder das übers Wasser laufen oder die Heilung der blutflüssigen Frau oder des Epileptikers.

      Andere Deutungs- und Erklärungsversuche mindern nicht den Anspruch der Bibel, mindern aber die Ansprüche vom Razifaz und Konsorten, sprich Kurie und Glaubenskongregation, die an der Wörtlichkeit der Bibel strikt festhalten und es untersagen, sich selbst ein Bild zu machen, so wie im Mittelalter auch. Aber sie sprechen für sich und ihren Glauben und das ist auch ok so. Nur sollten sie es lassen, ihren Glauben absolut zu stellen, denn das ist er ganz gewiss nicht.

      Noch ein Beispiel, dass die Bibel nicht wörtlich zu nehmen ist - Jesus betete im Garten Gethsemane, als seine Jünger schliefen. Wer will also mitbekommen haben, was Jesus gebetet hat? Und ob er nachher und noch vor seiner Verhaftung Zeit hatte, seinen Jüngern anzuvertrauen, dass er seinen himmlischen Vater gebeten hat, den Kelch an ihm vorbei gehen zu lassen? Vielleicht hat er ja auch was ganz anderes gebetet.

      Aber Glaube ist halt nicht rational und entzieht sich dem Verstand. Wichtig ist, das zu glauben, was einem persönlich gut tut. Wer glaubt, aus welchen Gründen das Heuil zu verfehlen und sich in Angst und Zweifel verzehrt, glaubt nicht heilsam, sondern selbstschädigend. Über Jahrhunderte hat die Kirche damit Geschäfte gemacht und macht sie noch heute. Aber das ist - um im Bild zu bleiben - Teufelswerk.

      Das Heil und ein erfülltes Leben kommt aus dem heilsamen Glauben. Und wenn für mich es nötig ist zu glauben, dass Jesus ohne männlichen Samen sondern nur durch den heiligen Geist gezeugt wurde und er von den Toten leibhaftig auferstanden und gen Himmel gefahren ist, und mir dieser Glaube hilft, mein Leben leben zu können und glücklich und zuversichtlich zu sein, dann ist das völlig ok.

      Wer aber glaubt, derart sündig zu sein, dass Gott eigentlich nicht gnädig sein kann oder darf, der ist psychisch krank und dem oder der muss geholfen werden, von diesen Selbstzweifeln frei zu kommen. Vielleicht sogar durch einen korrigierten Glauben, in dem das Erlösungswerk Jesus angenommen und verinnerlich wird.

      Ich hoffe, ich konnte dir meine - sicherlich eher unkirchliche - Sicht der Dinge klarmachen. In diesem Sinn
      herzlich Heinz


    • heilsamer Glaube

      Hallo Heinz,

      danke für deine ausführliche Antwort. Nun weiß ich, an was du nicht glaubst und wie du die Bibel siehst. Aber an was glaubst du? Du nennst den heilsamen Glauben, was ist das für dich?

      Liebe Grüße
      Wenn jeder alles von dem andern wüßte, es würde jeder gern und leicht verzeihen, es gäbe keinen Stolz mehr, keinen Hochmut. Hafis
    • hallo Rosine,

      ich glaube wie geschrieben steht - Gott ist das Leben und die Liebe und der Weg und die Wahrheit. Und da A gleich B ist, ist B auch gleich A, heißt, in der Liebe, im Leben, im Weg und in der Wahrheit ist Gott. Gott ist alles in allem.

      Für manchen ist das zu abstrakt. Aber wenn ich Fleisch esse oder eine nervige Mücke oder Fliege töte, dann ist da Gott genauso drin, wie in Pferden und Hunden und Katzen und in jedem Mensch. In unserem Tümpel saß lange Zeit ein Frosch und fraß die Larven der Mücken. Das ist ein ebensolcher Kreislauf, wie wenn der Krebs mich auffrisst. Kein Leben währt ewig. Und morgen schon kann schluss sein.

      In dieser Vorstellung, ein Teil des Ganzen, des ewigen Kreislaufs zu sein, und wenn die Erde nicht mehr ist, es irgendwo wieder ein anderer erdähnliche Planet entsteht und dass alles einen Sinn hat, auch das Schlimmste und Traurigste, das empfinde ich als sehr tröstlich und heilsam. Ich muss nichts werden oder beweisen, aber auch nichts mehr wieder gut machen oder rechtfertigen oder entschuldigen. Es ist wie es ist, sagt die Liebe. Und da Gott die Liebe ist, sagt es Gott oder das Göttliche oder das Leben. Das heißt, einerseits bin ich noch auf dem Weg, der vielleicht erst in 20-30 Jahren zu Ende ist oder morgen, andererseits bin ich schon angekommen. Ich bin nicht mehr auf der Suche, sondern lass mich einfach noch überraschen und auf das ein, was mir das Leben - Gott bietet und schenkt. Sollte es aber zuviel des Schweren werden, so wie ich es erlebte bei der Frau, die unheilbaren Knochenschwund hatte, dann behalte ich mir vor, meinem Leben vorzeitig ein Ende zu setzen. Ich lass mich gerne beschenken, aber ich muss auch nicht alles annehmen, was das Leben zu bieten hat.
      In diesem Punkt stimme ich überhaupt nicht mit der Lehrmeinung der Kirche überein. Muss ich aber auch nicht - mehr. Jedenfalls bin ich im mir ruhiger als mancher, der sich mit frommen Zweifeln quält, wie Gott angeblich irgendwas zulassen kann, wogegen sich unser Verstand wehrt. Es ist einfach nur müßig, sich diesen Fragen in dieser Weise zuzuwenden. Das Leben ist nunmal kein Ponyhof und auch dort ist nicht alles Friede Freude Pferdegetrappel. Das Leben sprich Gott ist mitunter erbarmungslos grausam, so wie gegenüber dem Heer der Ägypter, als sie dem fliehenden Volk der Israelis nachsetzten. Oder aber auch die Israelis laut altem Testament den göttlichen Bann vollstreckten oder selbst gestraft wurden, als sie es angeblich nicht vollständig gemacht haben. Und so war Gott auch grausam gegenüber dem israelischen Volk in der babylonischen Gefangenschaft oder in Massalla oder in den unzähligen Kriegen, ob Kreuzzügen, 30jährigem Krieg, erster und zweiter Weltkrieg, Vietnam, und wo und wann auch immer.

      Viele sind der Ansicht, sie könnten differenzieren, hier der liebe und gnädige Gott und dort der Teufel oder das Böse und zwischendrin der Mensch und oftmals in der Macht des Bösen. Das ist Kinderglaube, so wie Paulus schrieb. Diese Rechnung kann nicht aufgehen, da auch das angeblich Böse zu Gutem führt, so wie der Holocaust erst den Staat Israel ermöglichte. Und so gibt es unzählige Beispiele, wo angeblich das unerklärlich Böse letztlich doch zu etwas Guten nütze war. Und auch dieser Zusammenhang ist göttlich.

      In diesem Sinn wünsch auch dir den inneren Frieden, dass alles gut werden wird. herzlich Heinz


      Was es ist



      Es ist Unsinn

      sagt die Vernunft

      Es ist was es ist

      sagt die Liebe



      Es ist Unglück

      sagt die Berechnung

      Es ist nichts als Schmerz

      sagt die Angst

      Es ist aussichtslos

      sagt die Einsicht

      Es ist was es ist

      sagt die Liebe



      Es ist lächerlich

      sagt der Stolz

      Es ist leichtsinnig

      sagt die Vorsicht

      Es ist unmöglich

      sagt die Erfahrung

      Es ist was es ist

      sagt die Liebe



      Erich Fried