ordnung muss sein - große Ferien

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    • ordnung muss sein - große Ferien

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      Streben nach Klarheit und Wahrheit



      Nina Bußmann: "Große Ferien", Suhrkamp Verlag


      Von Detlef Grumbach


      "Große Ferien" - da denkt man an Sommer, Freibad und
      Strand. Für den Helden von Nina Bußmanns Debütroman gelten solche
      Assoziationen nicht: Schramm ist gescheitert, muss Ordnung schaffen in
      seinem Leben. Im Garten fängt er an. Aus der Perspektive eines Älteren
      thematisiert die junge Autorin die eigenen Lebensfragen.

      "Man sieht nicht, wie das Kraut wächst. Über Nacht ist es da."

      Klare,
      einfache Sätze zu Beginn dieses Romans. Es ist, wie es ist. Punkt.
      Schramm, Mitte, Ende 50 und Lehrer für Mathematik, Physik und Erdkunde,
      interessiert sich für Ursache und Wirkung, für Erklärungen und die
      Möglichkeiten, einzugreifen. Er ist früh aufgestanden und will am Abend
      wenigstens die Ritzen zwischen den Platten der Garagenauffahrt von
      Unkraut befreit haben. Als Ausdruck eines kleinbürgerlichen
      Ordnungssinns ließe sich dieses Ansinnen denunzieren. Aber es geht ihm -
      wie auch der Autorin - um Gestaltung, um Klarheit und Schönheit. Nina
      Bußmann benötigt dazu Distanz, deshalb schreibt sie über eine Figur, mit
      der sie auf den ersten Blick nichts gemeinsam hat....

      Schramm wohnt in seinem Elternhaus. Am Abend will der Bruder zu Besuch
      kommen. Mit ihm will er sich aussprechen, denn irgendetwas hat den
      Eigenbrötler aus der Bahn geworfen. Von einer "Geschichte" möchte
      Schramm nichts wissen, so heißt es, "auch nicht, wie es rasch üblich
      geworden ist, von einer 'Angelegenheit'. Allerhöchstens von einem
      Vorkommnis." Ein Schüler, Außenseiter wie er selbst, hatte sich in den
      Pausen meist zu ihm in die Karten-Sammlung zurückgezogen, lieber mit ihm
      geschwiegen als mit Kameraden auf dem Schulhof getobt. Doch plötzlich
      war alles anders. Mittlerweile ist der Schüler in der Psychiatrie. Was
      wirklich geschehen ist, eine Ohrfeige, lediglich eine erhobene Hand -
      der Leser bekommt höchstens eine Ahnung davon. Mit der Schulleiterin,
      mit Kollegen oder seiner Referendarin hat Schramm nicht darüber
      gesprochen. Mit dem Bruder will er es tun, doch schon oft sind ähnliche
      Versuche ins Leere gelaufen.
      ...

      Was für ein Bild entwirft man von sich und wie lässt sich das
      kommunizieren? Warum ist Schramm, den es in die Welt hinaus gezogen hat
      wie seinen Bruder, zu Hause hocken geblieben, warum ist er Lehrer
      geworden? Was ist in seinem Leben geschehen, dass es schließlich auf
      dieses "Vorkommnis" vor den Ferien hinausgelaufen ist? Schramm sucht
      nach der Wahrheit. Er schweigt nicht, weil er etwas für sich behalten
      will. So gärt es in ihm. Während er mit Akribie dem Unkraut zu Leibe
      rückt, bereitet er sich innerlich auf den Abend mit dem Bruder vor,
      kreisen die Gedanken in seinem Kopf. So wenig er nach außen und mit
      anderen spricht, so machtvoll und ohne Unterbrechung redet es in ihm....