Obdachlos

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    • Hallo erstmal,

      ich bin ehrenamtlicher Betreuer eines Familienmitglieds,
      mein Aufgabenkreis umfasst die Sorge um Gesundheit und Aufenthaltsangelegenheiten.
      Er hat Doppeldiagnose und war die letzten 2 Jahre in einem Haus untergebracht, dass darauf spezialisiert ist.
      Mit ärztlicher Betreung , Therapien und ähnliches...
      Alles verlief relatiev gut bis ...
      es zu mehreren Rückfällen in letzter Zeit gekommen ist.
      Man wollte ihn gegen seinen Willen in eine geschlossene Psychiatrie unterbringen,
      wobei er einer Unterbringung auf eine offene Station zugestimmt hat.
      Nach einem sehr emotionalen Gespräch ( seitens des Heimleiters ) das ich am Telefon mitgehört habe
      und der Heimleiter auch verweigert hat mit mir zu sprechen, wurde er promt, sofort auf die Strasse gesetzt.
      Er ist nun Obdachlos !
      Ist das Rechtens?
      Er hat vorher eine eigene Wohnung gehabt und wurde ambulant von Ärzten betreut.
      Er hat Psychosen und neigt zu Suchtmitteln.
      Die Lage ist sehr ernst.
      Kann mir jemand mit einem Rat oder Kontakten weiterhelfen ?
      Ich mach mir sehr große Sorgen, es ist nicht ausgeschlossen das er in Depresionen verfällt
      und möglicherweise sich was antut.
      Kann ich Beschwerde einlegen ?
      und wenn, wo?
      Wo bekomme ich rechtliche Unterstützung?

      Danke im vorraus, für alle die sich darüber Gedanken machen und versuchen zu helfen.
    • hallo Kretzu,

      erst einmal herzlich willkommen hier im Forum und herzlichen Dank für deinen Beitrag. Ist aber auch eine Hausnummer. Aber für mich als erfahrener Betreuer nicht ungewöhnlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass du sauer bist. Aber die Kündigung kann - muss nicht, aber kann durchaus berechtigt sein.

      Bei Suchtmittelmissbrauch, und dass ist auch der Alkoholismus, gibt es sogenannte Blaue Kreuz Häuser für die Nachbehandlung und Langzeitentgiftung. Es gibt die körperliche Entgiftung nach einem akuten Missbrauch von Suchtmitteln, das heißt, der Körper braucht etwa eine Woche, um den Rückfall zu verarbeiten. Aber dann gibt es die seelisch-psychische Entgiftung. Ich war Raucher, nicht stark aber gewohnheitsmäßig. Ich brauchte ein Jahr, um vom Rauchen wirklich weg zu kommen und keinen Druck mehr nach Zigarette oder Pfeife zu haben. Bei Alkohol oder anderen Drogen ist dieser Entzug noch viel länger und schwieriger. Wenn dann noch eine psychische Belastung hinzukommt, kann es sein, so z.B. bei sonstigen Drogen wie Cannabis, Koks, LSD, Heroin, Speed oder sonstigem, dass eine Heilung praktisch unmöglich ist.

      Auch Alkis bleiben, selbst wenn sie trocken sind, ihr Leben lang gefährdet. Viele werden wieder rückfällig. Und in manchen Wohnhäusern gilt: nach dreimaligem Rückfall - raus. Manchmal, wenn die Abstände zwischen den letzten Rückfällen größer geworden sind, kann nach dem letzten ultimativen Rückfall noch einmal ein allerletzter Versuch ausnahmsweise gebilligt werden. Doch dann muss der Bewohner raus.

      Es war bei mancher Betreuung so, dass mein Betreuter oder die Betreute dann in ein anderes Haus kam. Doch eine Prognose, dass es in diesem dann mit der Abstinenz klappen würde, musste erst einmal gefunden werden. Mit einem Betreuten hatte ich eine wahre Odyssee gemacht, bis er dauerhaft geschlossen in der hiesigen Psychiatrie aufgenommen wurde. Er war zudem suizidal depressiv. Manchmal kann man die Ursache nämlich nicht mehr feststellen. Wurde jemand durch den Alkoholismus depressiv oder war er oder sie aus anderem Grund depressiv und hat dann angefangen zu saufen, um es für sich erträglich zu machen. Hierzu hat Grönemeyer vormals ein interessantes Lied geschrieben. Du kannst es dir unter grönemeyer alkohol anhören und das Video ansehen - aufschlussreich.

      Doch was machen? Da du die Aufenthaltsbestimmung hast, kannst du für ihn eine neue Bleibe suchen. Vielleicht gibt es in deiner Stadt auch ein Wohnheim, dass mit der Rückfallregel etwas großzügiger umgeht. In jeder größeren Stadt gibt es sog. halbnasse Einrichtungen. Da dort häufiger ein Rückfall von Bewohnern stattfindet, sind diese nicht viel besser als die Notunterkunft. Mitunter haben die aber dennoch eine sozialpsychiatrische Betreuung und werden zur Abstinenz immer wieder angehalten und ermutigt. Auch nach dem 10. oder 15. Rückfall.

      Manche Patienten haben in der Fachklinik für Drogenmissbrauch einen sog. Drehtür Status, weil sie, kaum entlassen, nach kurzer Zeit wieder drin sind. Als Angehöriger ist das fürchterlich. Du fragst dich, ob denn da gar nichts zu machen ist? Andere haben es doch auch geschafft. Das ist richtig. Wir haben sogar Freunde, die vor Jahr und Tag eine Therapie gemacht haben und seitdem keinen Tropfen mehr angefasst haben, sogar Alkoholpralinen und Weinsauerkraut meiden. Ich habe aber auch Betreute gehabt, die sind am Suff verstorben.

      Als Angehörige muss du dich auch damit abfinden, dass die Sucht mitunter stärker ist als alles andere. In der Erst-Kontakt-Gruppe des Blauen Kreuzes, wo ich während meines Studiums in Köln mit geholfen habe oder dann in der Ausbildung zum Suchtkrankenhelfer, habe ich viele kennengelernt, die erst in der Gosse den letzten Rest an Willen aufgebracht haben, sich gegen die Sucht zu stellen. Manche waren schon mal im Delir und haben die Ratten laufen sehen, die gar nicht da waren. Manche haben wahre Horrortrips durchgemacht. Alles das kann deinem Verwandten auch passieren.

      Ich hoffe und wünsche dir, dass du einen Dreh zu ihm findest und er auf deine Hilfe anspringt und mitmacht und sich helfen lässt und den Ernst seiner Situation erkennt und er dann zu den wenigen zählt, die es schaffen. Doch wünsch ich dir auch die Kraft und das Verständnis, ihn auch gehen lassen zu können, wenn er dann in der Sucht bleibt und sich letztlich kaput macht.

      Das Loslassen können ist eine der größten und schwersten Herausforderungen an Betreuer und Betreuerinnen und vor allem an Angehörige. Uns wird schmerzhaft vor Augen geführt, dass eben nicht alles machbar ist und zu schaffen ist und man nur davon loskommt, wenn man nur wirklich will. Alkoholismus ist eine Krankheit und Kranke sind eben nicht zu allem fähig und manchmal eben auch nicht, sich gegen die Krankheit zu stellen.

      Dir viel Kraft und Trost und Geduld.
      Heinz
    • hallo Hauke,

      diese Frage lässt sich so wenig pauschal beantworten, wie die, wenn jemand in die Psychiatrie oder in ein Wohnheim eingewiesen werden muss. Entscheidend ist auch die Frage, aus welchem Grund wurde das Mietverhältnis beendet? Gab es vielleicht noch die Möglichkeit, das Mietverhältnis zu erhalten? Bei manchen Kommunen gibt es beim Wohnungsamt dafür eine eigene Stelle, die auch schon mal Mietrückstände übernimmt. Auch eine Genossenschaft als Vermieter hat mitunter einen Sozialdienst, der vor der sofortigen Kündigung und Räumung eingeschaltet werden kann.

      Sodann gibt es noch einen gravierende Unterschied zwischen Kündigung und Räumung. Das heißt, die Obdachlosigkeit beginnt erst mit der Räumung und nicht mit der Kündigung. Es kann aber auch sein, dass der Betreute gar nicht mietfähig ist, das heißt er hat eine Absteige, nutzt sie aber praktisch gar nicht oder aber lässt sie nahezu ordnungswidrig verkommen, so dass der Kammerjäger kommen muss.

      Und bei Obdachlosigkeit gibt es dann die Möglichkeit, den Betreuten in dieser Obdachlosigkeit auch zu belassen, wenn es erforderlich ist und wohlmöglich vom Betreuten auch gewollt ist oder es gibt etwas besser Notunterkünfte, zum Teil in Form von offenen und nassen Wohngemeinschaften auch mit sozialer Betreuung.

      Und dann gibt es die Möglichkeit einer Ehrenrunde eventuell in einem Wohnheim für Suchtkranke oder Straffällige oder psychisch Kranke. Und dann gibt es die Möglichkeit einer Auszeit in der Psychiatrie, wenn es ansteht. Von dort ließe sich dann möglicherweise eine neue Bleibe organisieren, vielleicht in Form eines möblierten Zimmers oder so.

      Habe schon für einen Jugendlichen innerhalb von 3 Tagen eine Bleibe vermitteln können mit Einzug und Übernahme der Kosten durch die Kommune. Das ist aber absoluter Glücksfall, weil meistens die Termine von Ansicht der Wohnung über Vermieterbescheinigung zu Bewilligung und Übernahme der Kosten durch die Kommune bishin zum Mietvertrag meistens mehrere Wochen verstreichen. Problematisch wird es meist bei der Übernahmeerklärung der Mietkosten, weil dafür ein außerordentlicher Aufwand an Belegen und Bescheinigungen betrieben werden muss. Und dann wird noch unterschieden, ob es sich um einen Erstantrag handelt oder über sog. Stammkunden, also bereits eine Akte bei der Kommune vorliegt. Mitunter geht es für die Neukunden sogar schneller. Aber dann kann es auch schon mal vorkommen, dass Unterlage verschwinden und alles neu besorgt und beantragt werden muss. Erfahrungen bei Behörden ließen sich zur Witzesammlung zusammenfassen.

      Also - für die Entscheidung, was zu tun sei bei Obdachlosigkeit, entscheiden die Kompetenzen und Fähigkeiten, aber auch in der Person des Betreuten liegende Hemmnisse wie aber auch das Angebot vor Ort und der bürokratische Aufwand. Nicht viel leichter als die Beschaffung einer eigenen Wohnung oder eines möblierten Zimmers ist die Vermittlung in ein Wohnheim, weil meist dahinter der übergeordnete Sozialhilfeträger steht, wie hier der Landschaftsverband oder auch schon mal der Kreis. Und da gibt es dann Hilfepläne zu erstellen und einzureichen. Wohlmöglich noch eine Hilfeplankonferenz mit diversen Anbietern, die sich wohlmöglich noch erdreisten, die Kompetenz des Betreuers anzuzweifeln von wegen, wir haben zwar gerade nicht einen Platz für Suchtkranke, wo der Betreute eigentlich hinsollte, aber für psychisch Kranken oder umgekehrt und dann wird der vom Betreuer aufwendig erstellte Hilfeplan dahingehend in Frage gestellt, ob nicht dieser Plan erneut gestellt werden muss, damit der Betreute anderweitig untergebracht werden kann.

      Und wenn der Betreute sich dann noch querstellt, von wegen, ne da geh ich aber nicht hin, wird das Spiel noch um eine weitere Komponente bereichert und interessanter. Dann spielt man als Betreuer, wohlmöglich noch bei vermindertem Vergütungssatz von 3-4 Stunden im Monat, in der Oberliga. Da ist es dann durchaus vorstellbar, dass der Betreuer oder die Betreuerin schlicht den Kaffee aufhat und es laufen lässt, wie es läuft und den Betreuten gleich mit.

      Insofern ist es immer hilfreich einen konkreten Fall zu haben, ob real oder fiktiv, an dem man dann die realen Möglichkeiten aussortieren und konkretisieren kann.

      Besten Gruß Heinz