Freitod

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    • Moin, ich will mal eine Diskussion anstoßen, tut sich ja sonst nicht viel hier.

      Gunter Sachs hat sich das Leben genommen - bevor er starb - war er ein Lebenmann und als die Krankheit fortschritt, machte er seinem Leben ein Ende. Das darf nicht sein. Meinen manche. Wer über sein Lebensende entscheiden will, den muss daran gehindert werden.

      Interessant war ein Anrufer im Radio mit fortgeschrittenem Bronchial- also Lungenkrebs. Er will nicht sein Leben vorzeitig beenden, aber alle medizinische Behandlung (Bestrahlung und Chemo) lehnt er ab. Das wird akzeptiert. Hat er aber zusätzlich eine Depression, so soll er behandelt werden. Ist das nicht widersprüchlich? Ist es nicht erlaubt, über eine Krankheit depressiv zu werden? Und sich nicht behandeln zu lassen, ist das nicht auch eine Entscheidung über das vorzeitige Lebensende? Wo ist da der Unterschied? Ich finde, die ganze Diskussion ist unehrlich und widersprüchlich. Ich finde, jeder und jede entscheidet Tag für Tag über das eigene Leben. Dann ist es auch legitim und moralisch in Ordnung, über das Lebensende zu entscheiden, so oder so. Oder nicht?

      Kalle

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Kalle ()

    • Hallo Kalle!


      Das ist ein interessantes Thema dass du da anstößt und in der Tat eine ernsthafte Überlegung wert. Was ist Moral?

      Dazu habe ich sogar eine persönliche Geschichte aus meiner Familie. Meine Mutter war jahrelang mit Leukämie beschäftigt, hatte zwei Chemo-Therapien hinter sich die ihr dermaßen zusetzten dass sie letztendlich daran zerbrach. Ihr Körper konnte das alles nicht mehr ertragen, so ziemlich alles war angegriffen und es war nichts mehr zu machen. Ganz zu schweigen von ihrem psychischen Zustand. Sie war am Boden, hatte Angst vor dem Tod und wirklich bis zum Schluss nicht aufgeben wollen. Es gab Höhen und Tiefen... Eines Morgens schlief sie ein und wachte nicht mehr auf.

      Wenn ich daran zurück denke verstehe ich dass ein Mensch ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr die Kraft hat und einerseits bin ich froh dass ihr eine weitere Verschlechterung ihres Zustandes erspart blieb. Denn somit blieb ihr auch viel Leiden erspart. Es wäre schrecklich gewesen wenn sie unter Schmerzen und Angst hätte sterben müssen.

      Ich finde jeder Mensch muss für sich selbst wissen und spüren wie weit er noch gehen kann und will. Es klingt vielleicht seltsam aber wofür sich bis zum geht nicht mehr quälen wenn es auf das Gleiche hinaus läuft? In anderen Ländern ist unter Abwägung der Umstände eine Sterbehilfe möglich. Ich selbst für mich wüsste nicht ob ich mich Ewigkeiten quälen wollte wenn es keine Heilung oder Chance auf Verbesserung meines Zustandes mehr gäbe.. Ich kann verstehen wenn ein Mensch am Ende seiner Kräfte einfach nur noch einschlafen will und endlich keine Schmerzen und Angst mehr haben möchte.


    • hallo Schmetterling,

      danke für deine persönliche Schilderung. Ich sehe das so ähnlich. Fühle und erkenne, dass viele sich dem verschließen wollen. Jetzt ist es eine Sache, es für sich selbst klar zu machen, wobei ich auch annehme, dass manche/r in der jeweiligen Situation schon anders denkt und fühlt, als Jahrzehnte zuvor und wohlmöglich noch bei bester Gesundheit. Die Ansicht mancher Ärzte von der Willensänderung ist nicht völlig abwägig.

      Und dann gibt es natürlich die Mahner, die einen sozialen Druck befürchten, nach dem Motto, wie du lebst noch, könntest es dir einfach machen und der Gemeinschaft billiger. Warnen vor einem Zeitgeist sozusagen eines sozialverträglichen Freitods. So ein psychologischer Druck wohlmöglich noch aus Kostengründen und im Hinblick auf die Renten- oder Pflegekasse darf natürlich auch nicht sein.

      Und andererseits werden aber Mitmenschen entmündigt, die durchaus nachvollziehbar für sich das Maß der Schmerzen und der Unannehmlichkeiten mit Behörden und Ärzten und Medikamenten und und und für erfüllt erachten und keine Perspektive haben, dass es sich jemals bessern würde, wo also durch die medizinisch-technischen Errungenschaften das leidvolle Leben lediglich verlängert wird.

      Was für ein Geschenk des Himmels einzuschlafen und nicht wieder aufzuwachen. Aber wer hat schon so ein Glück? Viele kommen erst einmal in die Trete der Klinik, wo die behandelnden und pflegenden doch nur des Patienten Bestes wollen. Und wie schwer ist es, sich diesem sozialen Druck entziehen? Schließlich haben Richter vor Jahr und Tag die allgemeingültigen Wertmaßstäbe definiert - dass alles mögliche zutun ist, um Leben zu retten, koste es was es wolle. Dagegen könne man sich nur mit einer Patientenverfügung absichern.

      Der Freitod ist halt noch ein Tabu. Und ganz praktisch ist auch nicht einfach. Wie will man es anstellen? Schließlich will man die Hinterbliebenen ja auch nicht traumatisieren, wenn sie den Erhängten, Abgestürtzten, in Blutlache Liegenden vorfinden. Oder?

      Kalle


    • zum Thema ein interessanter Bericht. http://www.wdr5.de/sendungen/leonardo/s/d/12.05.2011-16.05/b/service-psychologie-trauer-nach-einem-selbstmord.html

      logisch wenn auch überraschend fand ich
      "Immer wieder erleben Suizid-Hinterbliebene, dass man sie nicht mehr zu dem Leichnam lässt. Selbst wenn Ärzte, Polizisten und Bestatter dafür vermutlich gute und fürsorgliche Motive haben - es ist nicht gut für den Trauerprozess. Selbst wenn die Toten durch ihre Todesart entstellt sein sollten, ist es für die Hinterbliebenen wichtig, auch von dem Körper Abschied nehmen zu können."

      Ich hatte, wie Kalle, angenommen, dass es doch ein Schock ist, den oder die Tote/n zu finden. Ich stell es mir schrecklich vor und möchte es eigentlich niemanden zumuten und auch nicht erleben. Schließlich ist der Tod ja auch symbolisch - er bedeutet, dass dem aus dem Leben Geschiedenen nicht geholfen werden konnte oder er/ sie sich nicht helfen lassen wollte. Es es faktisch ein zurückstoßen der anderen. Und 'aus dem Leben scheiden' heißt ja auch, die Beziehung zu den anderen abbrechen, die Beziehung beenden, abbrechen, sterben lassen. Der Freitod ist die Steigerung eines Beziehungsabbruchs. Man sagt ja auch, er/sie ist für mich gestorben, wobei es ja mehrdeutig ist - für mich = an meiner statt oder für mich - er/sie bedeutet mir nichts mehr. Das Janusköpfige macht die Bedeutung aus ähnlich dem, der andere schlägt, schlägt sich im Grunde selber.

      weitere Hilfe unter http://www.agus-selbsthilfe.de/ und notfallseelsorge.de/

      interessant und aufschlussreich der Vortrag
      http://forum-seelsorge.de/downloads/Seelsorgetag_2009/09_1013_Referat_Elisabeth_Brockmann_Seelsorgetag.pdf
    • lang ist's her, dass der Beitrag geschrieben wurde. Doch das Thema bleibt aktuell und strittig

      dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1815999/

      da heißt es: "Das heißt, die Frau hätte palliativ sediert werden können und müssen und hätte dann hier legal und menschlich und friedlich sterben können und hätte nicht in die Schweiz fahren müssen."

      es heißt aber auch: "Das heißt also, die Suizidhilfe erfordert in jedem Falle einen mental kompetenten, einen Menschen, der eigenverantwortlich handeln und nachdenken kann. Beispielsweise psychiatrisch kranke Patienten oder Patienten, die sonst wie unter Zwang stehen, scheiden für eine solche Vorgehensweise aus - aus meiner Sicht."

      weitere Infos unter
      dradio.de/dlf/sendungen/europaheute/1815828/

      dradio.de/dlf/sendungen/tagfuertag/1806014/