Rotes Kreuz - Dunant

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    • Rotes Kreuz - Dunant

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      Traum von der Menschlichkeit
      Der Philanthrop, Schriftsteller und Gründer des Roten Kreuzes, Henri Dunant, ist vor 100 Jahren gestorben
      Von Irene Meichsner

      Das Rote Kreuz, eine gigantische Organisation, besteht seit fast 140 Jahren. Ursprünglich war sie als freiwilligen Sanitätsdienst im Krieg konzipiert. Heute sind die Aufgaben vielfältiger. Zu verdanken ist das Rote Kreuz Henri Dunant, der vor 100 Jahren verstarb.


      "Überall liegen Tote, und die Umgebung von Solferino ist im wahren Sinne des Wortes mit Leichen übersät. Die Verwundeten sind bleich, fahl und verstört. Insbesondere diejenigen, die stark verstümmelt sind, sehen stier vor sich hin und scheinen nicht zu begreifen, was man zu ihnen sagt. Andere sind unruhig, ihre Nerven sind völlig erschüttert. Sie zucken krampfhaft zusammen. Die, deren offene Wunden sich bereits entzündet haben, sind wie von Sinnen vor Schmerzen. Sie verlangen, dass man sie umbringt, sie winden sich mit verzerrten Gesichtern in den letzten Zügen des Todeskampfes."
      Der Anblick hat Jean-Henri Dunant, den späteren Mitbegründer des Roten Kreuzes, zutiefst erschüttert. Im Juni 1859 wurde bei Solferino in Norditalien eine der grausamsten Schlachten des 19. Jahrhunderts ausgefochten; Österreich unterlag den vereinten Truppen von Piemont-Sardinien und Frankreich unter Kaiser Napoleon III. Als Dunant am Abend auf dem Schlachtfeld erschien, lagen dort an die 40.000 Tote, Sterbende und Verwundete, für die es kaum ärztliche Hilfe gab. Dunant organisierte mit Freiwilligen aus der örtlichen Bevölkerung eine notdürftige Versorgung. Eigentlich befand sich Dunant auf einer Geschäftsreise. Probleme mit den Konzessionen für eine Getreidemühle in der französischen Kolonie Algerien hatten ihn auf die Idee gebracht, den Kaiser in seinem Hauptquartier persönlich aufzusuchen. In einer der scharfsinnigsten Analysen seiner widersprüchlichen Persönlichkeit schrieb der Martin Gumpert dazu 1938:

      "Es gehörten die ganze Einfalt und egozentrische Blindheit eines verträumten Kapitalistenherzens, die ganze Ahnungslosigkeit um Todesernst und Todesgrauen zu diesem anmaßenden Abenteuer."

      Dunant, am 8. Mai 1828 in Genf geboren, entstammte einer reichen, von großer Frömmigkeit geprägten Familie. Seine "Erinnerungen an Solferino" ließ er 1862 auf eigene Kosten drucken. Er verteilte das Buch gezielt in den gehobenen gesellschaftlichen Kreisen. Es mündete in dem Aufruf zur Gründung eines neutralen Hilfswerks, dessen Zweck darin bestehen sollte:

      "im Einvernehmen mit den Militärbehörden und unter ihrer Anleitung im Augenblicke eines Konfliktes auf dem Schlachtfeld Pflege und Hilfe zu leisten; dann hinterher in den Hospitälern die Verwundeten bis zu ihrer Wiederherstellung zu pflegen."

      Der Erfolg war sensationell.

      "Es war eine unfantastische, jeder Vorstellung zugängliche Utopie. Kriegsgegner und Militaristen mussten mit diesen praktischen Vorschlägen einverstanden sein."

      Die einen setzten sich für das Hilfswerk ein, weil sie den Krieg verabscheuten; die anderen, weil sie damit ihr Gewissen beruhigen konnten. Schon im Oktober 1863 luden Dunant und seine Anhänger nach Genf zu einer internationalen Konferenz. Am 22. August 1864 unterzeichneten Vertreter aus zwölf Staaten die erste Genfer Konvention, mit der auch das Rote Kreuz auf den weißen Fahnen und Armbinden als Erkennungszeichen vereinbart wurde. Bald führte die Regie bei der Organisation allerdings nicht mehr Dunant, sondern sein großer Widersacher, der Schweizer Jurist Gustave Moynier. Dunant hatte sein Geschäft vernachlässigt, wurde 1868 vom Genfer Handelsgericht wegen betrügerischen Konkurses verurteilt, musste Genf verlassen. Jahrzehnte lang lebte er - von der Welt vergessen - in tiefer Armut. 1881 landete er in Heiden im Appenzellerland, wo er, von einem Intermezzo im nahe gelegenen Ort Togen abgesehen, bis zu seinem Tod am 30. Oktober 1910 blieb. Dunant trat weiter für seine pazifistischen Überzeugungen ein. Er hatte Visionen von noch viel furchtbareren Kriegen, wie sie im 20. Jahrhundert Realität werden sollten.

      "Es scheint in Wirklichkeit, dass von nun an der moderne Fortschritt vor allem in der Suche und Entdeckung bester Vernichtungsmaschinerie besteht. Das Fazit ist Folgendes: Blut, Blut, nochmals Blut, Blut überall."

      Erst 1895 wurde Dunant durch den Artikel eines Schweizer Journalisten, der ihn zufällig in Heiden getroffen hatte, europaweit wieder wahrgenommen. 1901 bekam er - gemeinsam mit dem französischen Pazifisten Frédéric Passy - den erstmals verliehenen Friedensnobelpreis. Dunant war rehabilitiert. Das Rote Kreuz entwickelte sich zur weltweit größten humanitären Organisation. Als Haupteinsatzgebiete kamen Seuchen und Naturkatastrophen hinzu. Auch daran hatte Dunant, der große Visionär, bereits gedacht.