Demenz

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    • Leonardo WDR 5 22.10.10

      Demenz. Was wir darüber wissen, wie wir damit leben.
      Von Annette Bruhns, Beate Lakotta, Dietmar Pieper (Hrsg.)
      Ein SPIEGEL-Buch
      Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010
      ISBN 978-3-421-04487-7
      EUR 19,95


      Die Zahlen sind dramatisch: Etwa 1,3 Mio. demenzkranke Menschen leben in Deutschland, bis 2050 wird sich ihre Zahl verdoppeln. Demenz, die unaufhaltsame Reise ins Vergessen, zählt zu den größten medizinischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der alternden Gesellschaft. Angefangen hatte alles vor über 100 Jahren mit dem Psychiater und Neurologen Alois Alzheimer. Er entdeckte, dass einige seiner desorientierten und vergesslichen Patienten Ablagerungen im Gehirn hatten. Seither ist die Alzheimersche Krankheit Synonym für das demenzielle Syndrom, obwohl es medizinisch noch andere Ursachen gibt.

      Das ist eine von vielen wichtigen Informationen des Buches. Annette Bruhns, Beate Lakotta und Dietmar Pieper, drei SPIEGEL-Redakteure und die Herausgeber des Buches, beleuchten auf knapp 300 Seiten viele Facetten der Demenz. Es sind kurze journalistische Artikel, gerade mal drei bis zehn Seiten lang, geschrieben von mehr als 20 Autoren, die sich der Krankheit mit unterschiedlichen Formaten nähern. Interviews sind dabei, Reportage aber auch schlichte Servicetexte.

      Die Texte beschreiben den Umgang mit der Krankheit, ob Betroffene besser zu Hause oder in Wohngruppen leben, wie es um ihre Sexualität bestellt ist, welche Aufgaben Gedächtnisambulanzen haben, wie Demenzkranke in anderen Ländern leben. Andere Artikel setzen sich mit organisatorischen Problemen auseinander, wie Gutachter des Medizinischen Dienstes arbeiten, wie viel Zuschüsse der Staat zahlt, welche juristischen Konsequenzen die Demenz nach sich zieht.

      Trotz aller Dramatik der Krankheit Demenz, ist das Buch aber nicht pessimistisch! Es beschreibt auch die weltweite Suche nach Medikamenten und Impfstoffen; es beschreibt, was man gegen den Verfall des eigenen Gehirns tun kann; und es beschreibt Lichtblicke, kleine Wunder, die Wege aus dem Vergessen zeigen, wenn Therapeuten etwa über die wohltuende Wirkung von Musik auf demenzkranke Menschen berichten.

      Das Buch ist gründlich recherchiert und verständlich formuliert. Es beschreibt nüchtern, aber doch hoffnungsvoll ein Thema, das die Gesellschaft der nächsten Jahrzehnte nicht nur medizinisch prägen wird. In einer wissens- und informationsdominierten Welt bei vollem Bewusstsein die Reise ins Vergessen antreten zu müssen, ist auch eine große Kränkung! Es sei denn, man deutet die von Alois Alzheimer vor über 100 Jahren beschriebene Krankheit in seinem Sinne um: „Wir alle müssen uns auf den Tod vorbereiten. Ich denke, dieses intellektuelle Zum-Kind-Werden erleichtert den Abschied. Vielleicht ist Alzheimer, wenn wir es erst einmal entschärft haben, eine Hilfe, loszulassen.“