Anfang vom Ende - Altersheim

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    • Anfang vom Ende - Altersheim

      alte Bäume verpflanzt man nicht - Menschen schon. Unabhängig von der Diskussion, wie zukünftig Menschen leben werden können, ob es überhaupt noch Seniorenheime geben wird oder dann doch eher Mehrgenerationen Gemeinschaften, ist es wichtig zu schauen, wie das ist, ins Altenheim zu ziehen.

      http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1222566/
      Katrin Rohnstock (Hg.): "Der letzte Neubeginn", Verlag Barbara Budrich, Leverkusen 2010, 169 Seiten

      Zwischen neuer Sicherheit und grenzenloser Einsamkeit: In dem von Katrin Rohnstock herausgegebenen Sammelband "Der letzte Neubeginn" berichten Senioren von ihrem Umzug ins Altenheim.


      "Mutti, wir haben eine Überraschung für dich", versprechen die Kinder von Christel Allrich ihrer damals fast 80-jährigen Mutter. Und was für eine: Die Überraschung entpuppt sich als neue Wohnung in einem Altersheim in Teltow. Alles ist verabredet, man wird erwartet. Tee ist auch schon fertig. Die Führung beginnt. Hübsch ist es dort, finden die Kinder und überhaupt, länger allein zu Hause leben, das gehe nicht - zu gefährlich.

      Der Einwand der Mutter, hier gehe sie ein, wird rasch zur Seite geschoben: "Tu uns das nicht an, wir können nicht ruhig in den Urlaub fahren, wenn du in deiner Wohnung bleibst." Noch am selben Tag unterschreibt Christel Allrich den Vertrag, wenn auch nicht von Herzen, wie sie jetzt im Buch "Der letzte Neubeginn" von Katrin Rohnstock erzählt.

      Die heute 83-Jährige ist nur eine von fünfzehn Frauen und vier Männern, die in kurzen Protokollen über ihren letzten Umzug sprechen. Eingängig schildern sie, wie und warum dieser Schritt vollzogen wurde, welche Sorgen und Nöte damit verbunden sind und waren, welche Vorbehalte, aber auch welche Hoffnungen und welches Glück. Das zu lesen, ist berührend. Vor allem dann, wenn man spürt, wie wenig erwartet der Umzug ins Altersheim kam. Etwa wenn Krankheiten plötzlich alles Bisherige unmöglich machen; wenn Menschen, die bis vor Kurzem noch, mit Kamera bewaffnet, ferne Länder bereist haben, blitzschnell von ihren Gebrechen ausgebremst werden.

      So wie Irmgard und Wilhelm Seggebruch. Nachdem bei ihrem Mann eine Arterie im Auge platzt, seine Nieren versagen und Prostatakrebs diagnostiziert wird, sucht Irmgard Seggebruch nach einer Alternative. Pragmatisch entscheidet sie sich für eine Altersresidenz gleich gegenüber ihrer Wohnung und mietet sich kurz entschlossen ein. Das alte Leben wird aussortiert: Möbel werden verschenkt, Bücher verkauft, Fotos und Filme wandern in Kisten. Nur das Nötigste und Liebste kommt mit, denn meistens sind die neuen Domizile viel kleiner als die bisherigen.

      Schnell wird dabei klar, wie wichtig es für einen solchen Schritt ist, dass er möglichst frühzeitig geplant wird. Dass eben keine Eile entsteht, kein Druck. Denn nur dann kommen die Gefühle mit, nur dann wird der Umzug zum Neubeginn. Die 1930 geborene Mechthild Piehl und ihr Ehemann genießen die Zeit in ihrer neuen Wohnung. Sie erleben das Altersheim nicht als Einschränkung, sie unternehmen noch viel allein, ihren Garten haben sie behalten.

      Das Angebot des Heims nutzen sie nur bei Bedarf. Sie fühlen sich rundum wohl. Allerdings sind beide auch noch körperlich fit. Katharina Sauer, die nach dem Tod ihres Mannes selber schwer krank wird, zieht direkt vom Krankenhaus ins Heim. Fortan plagt sie grenzenlose Einsamkeit. So hat sie sich das nicht vorgestellt.

      Und genau das ist das große Verdienst dieses emotionalen Buches: Dass es uns zwingt mitzuerleben, was passiert, wenn Eltern nicht länger allein leben können. Schonungslos leidet man mit, wenn man die Nöte erlebt, die diese alten Menschen plagt. Und schon nach wenigen Seiten fragt man sich: Was ist mit meinen Eltern? Haben sie vorgesorgt? Das Thema macht Angst. Es birgt Sprengstoff. Darüber spricht man nicht gern. Dass wir es aber müssen, das lehren uns diese 169 Seiten.

      Besprochen von Kim Kindermann

      Katrin Rohnstock (Hg.): Der letzte Neubeginn. Senioren erzählen vom Umzug in ihr Altersdomizil
      Verlag Barbara Budrich, Leverkusen 2010
      169 Seiten, 14,90 Euro


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    • Alternativen

      Hallo Heinz,

      das war ein Theater, unsere Oma. Dann dieses Heim nicht und dieses auch nicht. Und dann kamen wir zu Besuch und sahen sie da sitzen in ihrem Rollstuhl, war eingenickt, den Kopf nach vorne und sabberte oder hatte den Kopf im Nacken und röchelte. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie weh uns das tat. Aber sie konnte nicht mehr in ihrer Wohnung bleiben, trotz Pflegedienst und Putzen und Essen auf Rädern. Da war dann der Herd, der anblieb, aber sie wollte sich auch mal selbst was warm machen. Und dann waren die Schlüssel weg. Wir können Geschichten erzählen noch und nöcher. Und zu uns nehmen konnten wir auch nicht. Zum Glück verstanden wir uns mit den Schwester und Pflegern recht gut. Ist ja auch nicht immer. Vor allem wenn zu den Bewohnerinnen noch die Angehörigen mit ihren Wünschen kommen.

      Ne, ich sag dir, Heim ist nicht schön. Für niemanden.

      Gruß Mairin